Für Klaudia Dietewich ist die Stadt nicht das unkoordinierte Gewusel der Masse oder das Häusermeer, in dem Sich der Einzelne verliert, sondern ein fast abstraktes Gebilde, in dem der Mensch seine rätselhaften repetitiven Spuren zurückgelassen hat. Hier ist der Ort, an dem für die Künstlerin die große, reine Schönheit der modernen Welt zu finden ist. Was für eine verwirrende Poesie der Flecken, Kratzer, Risse und Schmierereien!
So als habe die Fotografie hier zu ihrem Gegenstand gefunden: das verschwundene und verschwindende Leben ins Bild zu bannen, schafft Dietewich mit ihrem Gefühl für Form und Struktur ein Bildarchiv, das einen vermeintlich hinlänglich bekannten Stadtraum neu entdeckt - in Bildern, die gleichzeitig vertraut, irritierend und befremdend sind.
Die Fotografie erweist sich dabei als das Bildmedium, das den Blick der Fotografin als das eigentlich schöpferisch Wirkende ins Zentrum stellt und uns so die Welt immer wieder neu entdecken lässt. Sie ist hier mehr als bloßes Dokument: Sie ist ein zeichenhaftes Kondensat, das der Betrachter in einem Diskurs zu entfalten hat.
Dietewichs Fundstücke sind Versuche einer Art fotografischer "écriture automatique" mit Wirklichkeitsfragmenten. Als in Form geronnene Überreste der Kultur liefern sie der Einbildungskraft eine Matrix, an der diese kulturelle Kodierungsformen einklammern kann, um die Welt mit anderen Augen zu sehen. Die Fotografien oszillieren zwischen einer reinen Wiedergabe des Amorphen und einer Strukturierung des Gesehenen, in der der Betrachter Gegenstände und bildliche Darstellungen zu erblicken glaubt. Die Asphalt- und Wandbilder werden zu Projektionsflächen der Einbildungskraft. Die Fotografien sind Wiedergabe des Chaos und seine Strukturierung zugleich. Das macht ihren rätselhaften Zauber aus.
Bei ihren Gängen durch die Städte in aller Welt löst Dietewich aus vernarbten, verkleckerten, gerissenen und zerschundenen Asphaltflächen und aus beschrifteten, besprayten oder mit Plakatresten beklebten Wänden Fragmente visuell heraus, die dann im fotografischen Abzug mit dem Bildträger - meist AluDibond oder Barytpapier - zusammenfallen. Sie rettet dabei die Oberflächenstruktur der realen Vorlage als spezifische ästhetische Reize in ihre Fotografie hinüber. Die Resultate erinnern an fotografierte abstrakte Kunstwerke und sind gleichzeitig reine Fotografie. Es ist schwer beim Betrachten der Arbeiten nicht die großen Werke der Malerei mitzusehen, die sich heute in unserem kollektiven Gedächtnis tummeln.