{"id":153,"date":"2022-11-16T17:06:15","date_gmt":"2022-11-16T16:06:15","guid":{"rendered":"http:\/\/neu.klaudiadietewich.de\/?page_id=153"},"modified":"2026-05-01T15:11:49","modified_gmt":"2026-05-01T13:11:49","slug":"texte","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/klaudiadietewich.de\/en\/texte\/","title":{"rendered":"Klaudia Dietewich Texte"},"content":{"rendered":"<p>[et_pb_section fb_built=&#8220;1&#8243; _builder_version=&#8220;4.19.0&#8243; _module_preset=&#8220;default&#8220; background_color=&#8220;#e2e0de&#8220; global_colors_info=&#8220;{}&#8220;][et_pb_row _builder_version=&#8220;4.19.0&#8243; _module_preset=&#8220;default&#8220; global_colors_info=&#8220;{}&#8220;][et_pb_column type=&#8220;4_4&#8243; _builder_version=&#8220;4.19.0&#8243; _module_preset=&#8220;default&#8220; global_colors_info=&#8220;{}&#8220;][et_pb_text _builder_version=&#8220;4.19.0&#8243; _module_preset=&#8220;default&#8220; global_colors_info=&#8220;{}&#8220;]<\/p>\n<h1>Texte<\/h1>\n<p>[\/et_pb_text][et_pb_divider _builder_version=&#8220;4.19.0&#8243; _module_preset=&#8220;default&#8220; global_colors_info=&#8220;{}&#8220;][\/et_pb_divider][et_pb_text _builder_version=&#8220;4.27.6&#8243; _module_preset=&#8220;default&#8220; hover_enabled=&#8220;0&#8243; global_colors_info=&#8220;{}&#8220; sticky_enabled=&#8220;0&#8243;]<\/p>\n<h2>Klaudia Dietewich<br \/>Fl\u00fcchtige Landschaften<\/h2>\n<p>Begr\u00fc\u00dfung: Dr. Johannes Lorenz, \u2028Frankfurt a. M., Haus am Dom, 17. April 2026, 18:00 Uhr<\/p>\n<p>Liebe G\u00e4ste, liebe Kunstinteressierte,<br \/>herzlich begr\u00fc\u00dfe ich Sie zur Vernissage der Ausstellung Fl\u00fcchtige Landschaften hier bei uns im Haus am Dom.<br \/>Bevor ich kurz zwei S\u00e4tze zur Ausstellung sage, m\u00f6chte ich Ihnen die K\u00fcnstlerin des Abends vorstellen, die schon einmal bei uns ausgestellt hat:<br \/>Klaudia Dietewich, geboren in Freudenberg im Siegerland, lebt und arbeitet heute als freischaffende K\u00fcnstlerin in Stuttgart. Nach ihrem Studium der Sozialp\u00e4dagogik f\u00fchrte sie ihr Weg an die Europ\u00e4ische Kunstakademie Trier.<\/p>\n<p>Seit \u00fcber 20 Jahren richtet sie dabei ihren Blick auf oftmals \u00fcbersehene Spuren im \u00f6ffentlichen Raum \u2013 farbige Markierungen, Reparaturen und \u00dcbermalungen, die sie weltweit dokumentiert. Eine Auswahl dieser Arbeiten war im Rahmen des \u201eInternational Art &amp; Peace Project 2018\u20132020 Mayors for Peace\u201c anl\u00e4sslich von 50 Jahren Atomwaffensperrvertrag international unterwegs und wurde 2020 auch hier im Haus am Dom gezeigt.<br \/>Klaudia Dietewich hat mehrere B\u00fccher ver\u00f6ffentlicht, international ausgestellt und ist mit ihren Arbeiten sowohl im \u00f6ffentlichen Raum als auch in bedeutenden privaten und \u00f6ffentlichen Sammlungen vertreten.<\/p>\n<p>Als Frau Dietewich gemeinsam mit ihrem Mann vor einem Jahr bei uns ihre Arbeiten vorgestellt hat, mussten wir nicht lange dar\u00fcber nachdenken, ob wir diese Bilder bei uns im Haus zeigen m\u00f6chten oder nicht. Die beiden Fotoserien \u201eVanishing Universe\u201c und die Bilderserie der Sandstrukturen des Strandes \u201eLes Blancs Sablons\u201c in der Bretagne sind f\u00fcr uns aus mehreren Gr\u00fcnden zeigenswerte Arbeiten. Einige Gr\u00fcnde m\u00f6chte ich kurz nennen:<br \/>Erstens: Die Bilder von Frau Dietewich \u00fcben einen unmittelbaren Eindruck auf den Betrachter aus, dem man sich nur schwer entziehen kann. Sie besitzen geradezu eine Sogwirkung. So ging es mir zuletzt, als ich gestern durch die Ausstellung ging. Die Eislandschaften und Sandgebilde haben eine Weite, die es vermag, mich aus meiner Gegenwart hinauszuziehen und mich in eine gr\u00f6\u00dfere Einheit von Sinn und Bedeutung hineinzur\u00fccken. Vor und mit dem Bild bin ich zugleich woanders.<br \/>Zweitens entsteht durch diese Weite eine seelische Entsprechung, die Eindr\u00fccke von Schweigsamkeit, Ruhe und Frieden hinterl\u00e4sst \u2013 so jedenfalls bei mir.<br \/>Drittens jedoch wollen die Bilder f\u00fcr meine Begriffe alles andere als blo\u00dfe Seelenwellness betreiben. Sie zeigen Fragilit\u00e4t, Verletzlichkeit und Sch\u00f6nheit und machen auf dezente Weise darauf aufmerksam, von welch elementaren Netzwerken nat\u00fcrlicher Sch\u00f6nheit unser eigenes Leben abh\u00e4ngig ist.<br \/>Denn schlie\u00dflich geht es um unseren Blick, um den Blick des Menschen. Ich lese die Bilder auch als eine Aufforderung, hinzusehen und in der Sch\u00f6nheit und Br\u00fcchigkeit der dargestellten Naturlandschaften menschliche Verantwortung zu entdecken. Denn die Eislandschaft ist schon lange keine reine Naturlandschaft mehr, sondern \u00e4chzt unter dem Einfluss des Homo sapiens. Die Bild\u00e4sthetik von Frau Dietewich enth\u00e4lt eine stille Mahnung. Dazu braucht es, wie die Bilder zeigen, keine gro\u00dfe Rhetorik, sondern eine einge\u00fcbte Blickkultur, die ein anderes Sehen erm\u00f6glicht. Umsehen, anders sehen, anderes sehen, hinsehen und ersehen, das sind Bildungselemente, die Menschen ein anderes und weiteres Selbst- und Weltverst\u00e4ndnis geben. Und das ist der Auftrag, den auch das Haus am Dom hat und das ist der Grund, weshalb wir Ihre Bilder gerne bei uns zeigen.<\/p>\n<p>Wir danken Ihnen, Frau Dietewich, dass Sie Ihre Bilder bei uns ausstellen, und w\u00fcnschen der Ausstellung viel Erfolg.<br \/>Dann begr\u00fc\u00dfe ich jetzt den Hauptredner Markus Frasch, der sich bereiterkl\u00e4rt hat, eine kleine inhaltliche Einf\u00fchrung zu geben. Herr Frasch ist evangelischer Pfarrer und seit 2021 Dekan des Evangelischen Kirchenbezirks B\u00f6blingen. Er studierte Evangelische Theologie in T\u00fcbingen und Hamburg und absolvierte eine klinische Seelsorgeausbildung an einem Universit\u00e4tskrankenhaus in New Jersey (USA). Pfarrstellen f\u00fchrten ihn nach Remseck und Welzheim \u2013 durchweg Stationen in seiner Heimatregion im Gro\u00dfraum Stuttgart. 1995 lernte er Klaudia Dietewich in StuttgartDegerloch kennen, wo er Ausbildungsvikar war und sie sich als Kirchengemeinder\u00e4tin engagierte.<\/p>\n<p>[\/et_pb_text][et_pb_divider _builder_version=&#8220;4.19.0&#8243; _module_preset=&#8220;default&#8220; global_colors_info=&#8220;{}&#8220;][\/et_pb_divider][et_pb_text _builder_version=&#8220;4.27.6&#8243; _module_preset=&#8220;default&#8220; hover_enabled=&#8220;0&#8243; global_colors_info=&#8220;{}&#8220; sticky_enabled=&#8220;0&#8243;]<\/p>\n<h2>Klaudia Dietewich<br \/>Fl\u00fcchtige Landschaften<\/h2>\n<p>Einf\u00fchrung: Markus Frasch, \u2028Frankfurt a. M., Haus am Dom, 17. April 2026, 18:30 Uhr<\/p>\n<p>Liebe Klaudia, sehr geehrter Herr Dr. Lorenz, sehr geehrte Damen und Herren,<br \/>\u201eSpuren sind es, die ich fotografiere\u201c &#8211; so sagte es Klaudia Dietewich selbst \u00fcber ihr k\u00fcnstlerisches Schaffen.<br \/>Damit macht sie klar: Sie fotografiert, h\u00e4lt fest, was da ist, weil es hinterlassen wurde. Genau genommen, schafft die K\u00fcnstlerin ihre Bilder nicht selbst. Ihre k\u00fcnstlerische Arbeit besteht darin, dass sie Spuren, die schon existieren, entdeckt und festh\u00e4lt. Sie entscheidet nur \u00fcber das Abbild einer Spur, also \u00fcber Ausschnitt und \u00e4sthetische Darstellung. Der fotografierte Gegenstand selbst aber ist ein Zufallsprodukt, eine Hinterlassenschaft, ein Echo dessen, was die Spur hinterlassen hat.<br \/>Mit dieser k\u00fcnstlerischen Grundentscheidung &#8211; Spuren zur Darstellung zu bringen &#8211; betritt Klaudia Dietewich einen Raum, der sich f\u00fcr spirituelle Fragen \u00f6ffnen l\u00e4sst. Es geht hier ganz grundlegend um Verg\u00e4nglichkeit und um die Frage, was bleibt. Eine Spur verweist ja in ihrem Grundcharakter auf etwas, das nicht mehr da &#8211; also vergangen &#8211; ist. Doch zugleich zeigt die Spur, dass das was weg ist, sich nicht einfach aufgel\u00f6st hat &#8211; sondern im Abdruck seiner Existenz etwas hinterlassen hat, dass seine eigene Existenz \u00fcberdauert. So werden Klaudia Dietewichs Fotografien durchl\u00e4ssig f\u00fcr die Dimensionen Zeit und Ewigkeit.<\/p>\n<p>Dass ich heute diese Ausstellung mit einer Ansprache er\u00f6ffnen darf und dabei eine religi\u00f6s-spirituelle Ebene ansprechen soll, ist der ausdr\u00fccklich Wunsch von Klaudia Dietewich. Wir beide haben uns kennengelernt, als ich vor 30 Jahren mein Ausbildungsvikariat in der Kirchengemeinde absolvierte, in der sie Kirchengemeinder\u00e4tin war. Seit damals sind wir in einem Austausch \u00fcber Kunst und Religion. Und da wir die Ausstellung heute in einem katholischen Haus er\u00f6ffnen, hat Klaudia entschieden, dass ich aus meinem theologischen Blickwinkel hier sprechen soll.<br \/>Ich erl\u00e4utere das auch deshalb, weil Sie wissen sollen, dass ich kein Kunstsachverst\u00e4ndiger bin. Ich bin evangelischer Theologe und spreche aus dieser Sicht. Ich mute Ihnen damit heute eine gewisse Einseitigkeit zu. Ich bitte Sie, nehmen Sie diese als eine Anregung, wie man \u00fcber die Bilder von Klaudia Dietewich nachdenken kann. Selbstverst\u00e4ndlich sind ihre Bilder auch offen f\u00fcr ganz andere Sichtweisen. Das macht sie ja zu Kunstwerken, dass sie dem Betrachter und der Betrachterin einen Resonanzraum er\u00f6ffnen, in dem Platz ist f\u00fcr ganz unterschiedliche Sichtweisen. Es entsteht ja beim Betrachten der Fotografien quasi eine Beziehung &#8211; in der das schauende Ich in einen Austausch mit dem geht, was das Bild ausstrahlt.<br \/>Mir geht es beim Betrachten der fl\u00fcchtigen Landschaften so, dass sie mich nachdenklich stimmen; in mir Fragen ansto\u00dfen; eine existentielle Ebene der Reflexion er\u00f6ffnen. Sie werden in gewisser Weise zu einer Art Spiegel &#8211; allerdings nicht so, dass ich darin mich selbst erkenne &#8211; sondern mehr so, dass sich darin existentielle Lebensfragen widerspiegeln.<\/p>\n<p>Diese Dimension des existenziellen Fragens verstehe ich als eine spirituelle Ebene des Nachdenkens. Diese Ansicht muss man nicht teilen. Die aufgeworfenen Fragen k\u00f6nnen selbstverst\u00e4ndlich ohne Transzendenz und Metaphysik bedacht werden. Darin lassen die Bilder dem Betrachter seine ganz pers\u00f6nliche Freiheit. F\u00fcr mich aber bricht bei der Frage nach der grundlegenden Verg\u00e4nglichkeit allen Seins eine spirituelle oder geistliche Dimension auf. Denn ich sp\u00fcre unmittelbar diese tiefe Sehnsucht in mir: Dass da mehr sein m\u00f6ge als das, was wir sehen.<br \/>So sind Spuren ja nie nur gegenst\u00e4ndliche Hinterlassenschaften. Sie sind immer auch Symbol daf\u00fcr, dass da mehr sein k\u00f6nnte, als wir sehen, tasten oder wissen.<br \/>Und so werden mir die Spuren, die ich in Klaudia Dietewichs Fotografien sehe, zu der grundlegende Frage danach, ob da mehr ist, als das, was wir sehen. Sind wir unab\u00e4nderlich eingeschlossen in Raum und Zeit? Oder gibt es ein Au\u00dferhalb dieser Grenzen?<br \/>Es ist sehr menschlich, dass wir Grenzen \u00fcberwinden wollen. Wohin f\u00fchrt uns der Versuch, \u00fcber die Grenze der Verg\u00e4nglichkeit hinausdenken zu wollen?<br \/>Die fotografierten Spuren stellen solche Fragen &#8211; jedenfalls stellen sie mir diese Fragen. Eine Botschaft, eine Aussage oder Behauptung finde ich in den Bildern dagegen nicht. Und es kommt mir so vor, als sollte das auch so sein. Denn die K\u00fcnstlerin, so vermute ich, will nichts behaupten; sie will keine Botschaft senden. Sie will zeigen, was ist &#8211; und indem sie es in ihrer ganz eigenen \u00c4sthetik zur Darstellung bringt, f\u00fchrt sie uns dazu, dass wir diesen Fragen nach-denken. Aber eine Antwort auf diese Fragen muss jede und jeder selbst finden. Und vermutlich finden wir auf diese existentiellen Fragen immer wieder andere Antworten &#8211; nicht eine Antwort f\u00fcr alle Zeiten. Vermutlich entdecken wir immer wieder neue Aspekte und Schwerpunkte bei der Suche nach Antworten auf die Frage nach Zeit und Ewigkeit.<\/p>\n<p>Der eine Teil der Fotografien, die wir in der Ausstellung sehen, entstand am Strand \u201eLes Blancs Sablons\u201c in der Bretagne. Abgesehen davon, dass dieser Strand auch bei Surfern und sonstigen Touristen sehr beliebt ist, zeichnet er sich dadurch aus, dass hier drei Arten von Sand vermischt sind. Und weil sich diese Sandarten in Farbe, K\u00f6rnung und Gewicht deutlich unterscheiden, bilden sie f\u00fcr das menschliche Auge \u00fcberraschende Muster auf den Strand. Diese Muster entstehen, weil das Wasser der Wellen, die \u00fcber den Strand flie\u00dfen, die Sandk\u00f6rner unterschiedlich aufwirbelt und mitnimmt. Die Bilder sind Spuren, die das Wasser hinterl\u00e4sst.<br \/>Und das Besondere ist: Diese Muster und Bilder existieren jeweils nur f\u00fcr eine sehr kurze Zeit, manchmal nur f\u00fcr Sekunden &#8211; bis die n\u00e4chste Welle kommt, die das bestehende Bild zerst\u00f6rt und beim Abflie\u00dfen des Wassers ein neues hinterl\u00e4sst.<br \/>Es lohnt sich, bei dieser Bewegung des Wassers innerlich einen Moment zu verweilen. Stellen Sie sich vor, wie Sie diesen Sandboden vor sich sehen und den Wechsel der Spurenbilder beobachten. Sie sehen die Zeichnungen im Sand; sie sehen, wie das Wasser kommt; es f\u00e4hrt geschwind und entschlossen \u00fcber den Strand, zerst\u00f6rt alles, was eben noch in Sch\u00f6nheit erstrahlte \u2026 und malt das n\u00e4chste Bild in den Boden, das sie aber erst sehen, wenn das Wasser abgeflossen ist. Kaum haben Sie angefangen das Muster im Sand zu entdecken, da kommt schon die n\u00e4chste Welle und das Bild zerflie\u00dft im Wirbel des rollenden Wassers. Und schon erscheint das n\u00e4chste Bild &#8211; neu gemalt von den vorbeihuschenden Wirbeln. So wird es zu einem scheinbar endlosen Hin und Her, Auf und Ab aus Werden und Vergehen, Sterben und Neuentstehen.<\/p>\n<p>Mit ihren Fotografien versucht die K\u00fcnstlerin den Moment der Sch\u00f6nheit zwischen zwei Wellen festzuhalten. Sie will ihn der Verg\u00e4nglichkeit entziehen. Sie h\u00e4lt die kurzlebige Spur zwischen Werden und Vergehen fest; findet f\u00fcr ihr Foto den Augenblick dazwischen. So wird das Bild, das sie erstellt, selbst zu einer Spur &#8211; zu einer Spur der Spur.<br \/>Vom Wasser ist nichts zu sehen auf den Fotografien. Man muss erst verstehen, wie die Bilder entstanden sind, um vom Wasser zu wissen. Versuchen Sie sich einmal vorzustellen, Sie w\u00fcrden eines dieser Bilder anschauen und w\u00fcssten nicht, wie die Muster entstanden sind. Welche Fantasie w\u00fcrden die Bilder bei Ihnen ausl\u00f6sen? Welche Ideen h\u00e4tten Sie, um sich vorzustellen, wie diese Muster entstanden sind? Mir w\u00fcrde dazu alles m\u00f6gliche einfallen. Aber vor allem w\u00fcrde es mich ratlos machen, weil ich es mir nicht erkl\u00e4ren k\u00f6nnte. Erst die Information \u00fcber die Wellen und ihre Wirkung auf den Sand lassen mich verstehen, was ich vor mir sehe.<br \/>Diese Erkenntnis macht deutlich, was es hei\u00dfen kann, die Welt mit spirituellen Augen zu sehen. Denn wir wissen oft nicht, welche Spuren wir sehen. Ja, wir wissen oft nicht, dass das, was wir sehen, Spuren sind. Doch darauf k\u00f6nnen uns die Bilder von Klaudia Dietewich hinweisen: Dass manches in der Welt eine Spur sein k\u00f6nnte, ohne dass wir das wahrnehmen oder wissen. Vielleicht k\u00f6nnen wir lernen es zu ahnen, dass eine geistige Kraft ihre Spuren hinterlassen hat, in unserer Welt.<br \/>Von den Bildern der fl\u00fcchtigen Landschaften wissen wir, dass das Wasser der Wellen die Spuren gelegt hat. Und diese Wellen, sie kommen und gehen mit einer nahezu unendlichen Zuverl\u00e4ssigkeit. Die Wellen sind das Gegenst\u00fcck zum Muster im Sand. Sie kommen und gehen &#8211; kommen und gehen &#8211; ohne Anfang, ohne Ende in scheinbarer Ewigkeit.<br \/>Die Wissenschaft wei\u00df, dass auch das Meer einmal angefangen hat und auf ein Ende zugeht &#8211; wie die ganze Welt, ja das ganze Universum. Aber da denken wir an Zeitr\u00e4ume, die uns unvorstellbar sind. Darum f\u00fchlt sich das Auf und Ab der Wellen an wie ein zeitloses, ja ewiges In-Bewegung-Sein. F\u00fcr mich ist das der beruhigende, tr\u00f6stliche Aspekt. So sehr die einzelnen Bilder im Sand der Verg\u00e4nglichkeit anheim gestellt sind &#8211; so sehr \u00fcberdauert das Wasser, das dieses Werden und Vergehen verursacht, alle Zeit.<br \/>So kann das Ganze wie eine spirituelle Metapher gelesen werden: Wie das Muster im Sand sind wir mit unserem kurzen Leben der Verg\u00e4nglichkeit ausgesetzt. Doch die Kraft, die uns ins Leben ruft und unserem Leben seine Grenze setzt, bleibt.<br \/>Der andere Teil der Fotografien, die wir in der Ausstellung sehen, zeigt Landschaften in der Antarktis. Die Bilder entstanden w\u00e4hrend einer Seereise im Januar 2020. Der Fotoband, der diese Bilder zeigt, tr\u00e4gt den Titel \u201eVanishing Universe\u201c &#8211; verschwindendes Universum. Mit diesem Titel kommt zu Ausdruck, worin die besondere Eigenart der Fotografien liegt. Man k\u00f6nnte ja erwarten, dass die Fotos monumentale Bilder von gigantischen Eisformationen zeigen. Aber das tun sie nicht. Denn auch hier geht es Klaudia Dietewich um Spuren &#8211; und um die Wahrnehmung der Verg\u00e4nglichkeit. So zeigen ihre Fotografien der Eislandschaften Spuren des schmelzendes Eises. Zu sehen sind Formationen, denen man ansieht, dass hier einmal mehr Eis war. Ganz anders als im anderen Teil der Ausstellung geht es hier nicht um ein schnelles Kommen und Gehen &#8211; Werden und Verschwinden. Die Zeitr\u00e4ume, in denen das Eis schmelzt und Spuren hinterl\u00e4sst, sind viel l\u00e4nger &#8211; sie sind so lange, dass man das Verschwinden ohne die Spuren vielleicht gar nicht wahrnehmen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>So \u00f6ffnen die Fotografien eine Art Blick hinter den Vorhang, eine 2. \u00fcberraschende Perspektive. Pl\u00f6tzlich sehen wir, dass das ewige Eis gar nicht ewig besteht. Was wir intuitiv f\u00fcr unsterblich hielten, ist dann doch genauso verg\u00e4nglich wie alles andere, was ist.<br \/>So sehen wir in den Spuren der schmelzenden Eisriesen den Spiegel der Verg\u00e4nglichkeit alles Irdischen \u00fcberhaupt. Die beiden Teile der Ausstellung er\u00f6ffnen einen sehr weiten Horizont &#8211; hier die Spuren, die Wasser in einem Rhythmus aus wenigen Sekunden sterben und neu erbl\u00fchen l\u00e4sst &#8211; dort die Spuren eines nahezu unendlich langsamen Vergehens scheinbar ewiger Giganten.<br \/>Und hier wie da sehen wir Fotografien &#8211; festgehaltene Momente im Prozess des Vergehens &#8211; Spuren der Spuren der Verg\u00e4nglichkeit.<br \/>Bei den Bildern aus der Antarktis kommt noch dazu, dass wir wissen: Es ist die Menschheit selbst, die das Verschwinden dieser einzigartigen Welt verursacht. Dass auch das scheinbar ewige Eis nicht ewig sondern verg\u00e4nglich ist, liegt in der Natur des Eises. Dass es aber jetzt schmelzt und dass es so deutlich sichtbar schmelzt, ist menschengemacht.<br \/>Hier schauen wir in einen zweiten Spiegel, und dieser fragt uns nach unserer Verantwortung. Je nach pers\u00f6nlicher Lebensauffassung kann auch das eine spirituelle Frage sein. Wem gegen\u00fcber m\u00fcssen wir uns verantworten? Woher kommt die Forderung, dass wir Verantwortung \u00fcbernehmen f\u00fcr unser Leben und f\u00fcr die Welt?<br \/>K\u00f6nnen wir Kants kategorischen Imperativ als g\u00fcltiges Naturgesetz ansehen? Oder verschwinden auch die Imperative in der Verg\u00e4nglichkeit des irdischen Seins?<br \/>Es zeigt sich ja gerade, dass die Menschheit nicht in der Lage ist, ihre eigene Zerst\u00f6rungswut zu b\u00e4ndigen. Destruktive Kr\u00e4fte entfachen nahezu ungez\u00fcgelte Gewalt gegen Mensch und Natur. Wer setzt diesem Treiben eine Grenze. Sind wir da allein auf uns selbst gestellt?<br \/>So f\u00fchren uns die verschwindenden arktischen Landschaften mit noch gr\u00f6\u00dferer Dringlichkeit in tiefe existentielle Fragen. Unweigerlich verursachen diese Fragen eine tiefe Sehnsucht nach Halt und Sinn.<br \/>Doch die Bilder geben uns darauf keine Antwort. Diese zu finden, liegt an uns &#8211; den Betrachterinnen und Betrachtern &#8211; an denen, die sich auf die Fragen einlassen &#8211; die dem Blick in die Verg\u00e4nglichkeit nicht ausweichen.<br \/>Vielleicht aber bleibt da ein Trost, auf den Klaudia Dietewichs Fotografien uns hinweisen: Nichts vergeht, ohne Spuren zu hinterlassen.<br \/>Vielen Dank.<\/p>\n<p>[\/et_pb_text][et_pb_divider _builder_version=&#8220;4.19.0&#8243; _module_preset=&#8220;default&#8220; global_colors_info=&#8220;{}&#8220;][\/et_pb_divider][et_pb_text _builder_version=&#8220;4.27.4&#8243; _module_preset=&#8220;default&#8220; global_colors_info=&#8220;{}&#8220;]<\/p>\n<h2>Kultur Regional<br \/>Blick f\u00fcr das Malerische und Magische<\/h2>\n<h5>\u201eFl\u00fcchtig!\u201c ist der Augenblick, in dem Klaudia Dietewich ihre Reiseeindr\u00fccke festh\u00e4lt. Die Wirkung ihrer Bilder aber h\u00e4lt lange an. Manche Schnappsch\u00fcsse mutieren zu Gem\u00e4lden, andere zu kryptischen Zeichen. In der Galerie M in Landau zeigt die \u201eSpurensucherin\u201c ihre verbl\u00fcffenden Fundst\u00fccke.<\/h5>\n<p>Von Brigitte Schmalenberg (Die RHEINPFALZ Speyerer Rundschau &#8211; Nr. 264, Freitag, den 14. November 2025, Seite 18)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Alles begann mit einer Radtour von Lissabon nach Warschau. \u201eWenn man den ganzen Tag auf dem Fahrrad sitzt und auf die Stra\u00dfe guckt, sieht man viel Asphalt\u201c, erz\u00e4hlt die Stuttgarterin Klaudia Dietewich von der Auszeit, die sie sich mit ihrem Mann vor 15 Jahren g\u00f6nnte und die ihr Leben in neue Bahnen lenkte. Danach n\u00e4mlich hat sie ihren Job als Sozialp\u00e4dagogin an den Nagel geh\u00e4ngt und ist \u201eSpurensucherin\u201c geworden.<\/p>\n<p>Mit einer einfachen Digitalkamera \u201eknipst\u201c sie seither alles, was ihr unter die Augen kommt und unscheinbar genug ist, ihren Blick zu sch\u00e4rfen. Bei der Radtour waren das Markierungen von Mittelstreifen, Leitplanken, Benzinflecke, Risse im Teerbelag, Kanaldeckel. Wieder zur\u00fcck in der Stuttgarter Heimat begann die Auswertung des Sammelsuriums und damit eigentlich erst die Arbeit. Es galt, das Material zu sichten, zu sortieren und die entscheidenden Ausschnitte f\u00fcr XXL-Vergr\u00f6\u00dferungen zu finden. \u201eMein Ziel war es, ein gutes Bild zu machen,\u201c meint Dietewich lapidar. So gut, dass sie es selbst gerne betrachtet, andere fasziniert und zu vielfachen Assoziationen animiert.<\/p>\n<p>Es sind hunderte \u201eWegst\u00fccke\u201c geworden, alle im gleichen Quadratformat, und deshalb immer wieder neu arrangierbar. Die malerische Wirkung der v\u00f6llig unbearbeiteten Ausschnittvergr\u00f6\u00dferungen r\u00fchrt vom Motiv selbst, aber auch von der raffinierten Drucktechnik auf Aluminium her, an der die K\u00fcnstlerin mit der Druckwerkstatt lange gefeilt hat. Der Clou ist, dass die Farbe in Tr\u00f6pfchen aufgetragen wird und dadurch auf der fein gewellten Fl\u00e4che zerplatzt, was eine plastischen Effekt erzeugt.<\/p>\n<p>Dass die \u201eStra\u00dfenbilder\u201c im Laufe der Reisen immer bunter wurden, habe mit den Stra\u00dfen selbst zu tun. \u201eAuch die Bodenmarkierungen und Wegmarken wurden ja immer bunter.\u201c Umso erstaunlicher ist es, dass gerade die \u201eLandschaftsbilder\u201c, die in der Antarktis entstanden sind und tats\u00e4chlich weite Blicke \u00fcber Schneeberge und Nebelmeere einfangen, wie alte Sepiaaufnahmen wirken. Die auff\u00e4lligen Rott\u00f6ne, die sich \u00fcber eine Schneefl\u00e4che ziehen und der Spurensucherin ob ihrer magisch-surrealen Anmutung fast den Atem raubten, sind Algen, mit denen sie in dieser Gegend nie rechnet h\u00e4tte. Und dann gibt es da noch Bilder, die wie Landschaftsgem\u00e4lde aus der italienischen Romantik anmuten, in Wirklichkeit aber an einem Strand in der Bretagne entstanden. Wie bei ihren Stra\u00dfenfotos hat die 1959 geborene Weltenbummlerin hier die Wellen- und Pflanzenspuren im Sand in den Fokus genommen und aus den Schnappsch\u00fcssen Ausschnittvergr\u00f6\u00dferungen mit Abz\u00fcgen auf Papier gemacht.<br \/>\u201eDiese Bilder hat quasi das Meer gemalt, wenn die Flut zur\u00fcckkommt\u201c, beschreibt sie den entscheidenden Moment, als sie den Ausl\u00f6ser dr\u00fcckte. Das Ergebnis sieht aus, als h\u00e4tte sich die Betrachterin in eine m\u00e4rchenhaft bewaldete Urwelt gezoomt, die noch niemand zuvor betreten hat. Oder \u2013 auch solche Fantasien werden zum Leben erweckt \u2013 wie ein dystopische Tr\u00fcmmerlandschaft, der man gerne fernbleibt.<br \/>\u201eIch komme ja vom Malerischen her, das versuche ich in meinen Fotos umzusetzen\u201c , erkl\u00e4rt die Kunstschaffende, die immer schon malte und auch gerne mit Siebdruck arbeitete, ihren Anspruch. Als Fotografin m\u00f6chte sie aber lieber nicht bezeichnet werden. \u201eDieses Handwerk habe ich nie gelernt und ich knipse ja nur einfach drauflos\u201c, im Automatikmodus der kleinen Digitalkamera, ohne Bildbearbeitung am Computer. Aber mit einem ganz besonderen Blick f\u00fcr das Malerische und Magische.<\/p>\n<p>DIE AUSSTELLUNG<br \/>\u201eFl\u00fcchtig!\u201c Fotografie von Klaudia Dietrich bis 19. Dezember in der Galerie M am Deutschen Tor Landau: Fr\/Sa 15-18 Uhr sowie nach Vereinbarung. Vernissage 14. November, 19 Uhr.<\/p>\n<p>[\/et_pb_text][et_pb_divider _builder_version=&#8220;4.19.4&#8243; _module_preset=&#8220;default&#8220; global_colors_info=&#8220;{}&#8220;][\/et_pb_divider][et_pb_text _builder_version=&#8220;4.27.4&#8243; _module_preset=&#8220;default&#8220; global_colors_info=&#8220;{}&#8220;]<\/p>\n<h2>Klaudia Dietewich<br \/>Fl\u00fcchtig<\/h2>\n<p>Einf\u00fchrung: Helmut Anton Zirkelbach<br \/>Landau in der Pfalz, Galerie M, 14. November 2025, 19:00 Uhr<\/p>\n<p>Es ist mir eine besondere Ehre, Sie heute durch das Werk von Klaudia Dietewich zu f\u00fchren. Im Zentrum ihrer seit zwei Jahrzehnten wachsenden k\u00fcnstlerischen Praxis steht eine beharrliche Spurensuche: Sie erkundet das Fl\u00fcchtige und Verg\u00e4ngliche \u2013 jene feinen Zeichen, die Mensch und Natur als gleicherma\u00dfen sch\u00f6pferische Kr\u00e4fte in die Welt eingravieren.<br \/>Lassen Sie uns gemeinsam durch die verschiedenen Serien dieser Ausstellung reisen, die Dietewichs charakteristische Herangehensweise und ihre k\u00fcnstlerische Entwicklung eindrucksvoll vor Augen f\u00fchren.<\/p>\n<p>Beginnen wir mit den \u201eWegst\u00fccken\u201c, einem fortlaufenden Projekt, das seit vielen Jahren die Haut unserer St\u00e4dte dokumentiert und gewisserma\u00dfen das Fundament von Dietewichs k\u00fcnstlerischem Kosmos bildet. In der strengen Form des 50 x 50 cm gro\u00dfen Aludibond-Quadrats manifestiert sich hier eine konzeptuelle Stringenz, die r\u00e4umlich und zeitlich unbegrenzt agiert. Die hier in Bl\u00f6cken geh\u00e4ngten Bilder bilden sozusagen ein weltweites Netz. Sie zeigen Spuren aus St\u00e4dten in der N\u00e4he und auf der ganzen Welt \u2013 alle erreichbar vom Stuttgarter Flughafen aus. Dass die Aufnahmen \u00fcber mehrere Jahre entstanden sind, beweist: Die K\u00fcnstlerin arbeitet mit gro\u00dfer Konsequenz und langem Atem.<\/p>\n<p>Was wir in diesen \u201eWegst\u00fccken\u201c sehen, ist ein vielstimmiges Tagebuch des Unterwegsseins: Eine schwarze Sonne \u00fcber Berlin, eine schwebende, skurrile Gummifigur \u00fcber Helsinki, ein schluckender Schornstein in Budapest. Der Eiffelturm scheint auf, die untergehende Sonne Venedigs wirkt schon seekrank. Man k\u00f6nnte vieles hineinlesen \u2013 und doch widerstehen die Bilder jedem vorschnellen Deutungsversuch. Sie bleiben frei von jedem erz\u00e4hlerischen Ballast. Hier ist der Wiener Ring aus den Fugen geraten, dort winkt ein schwarz-silbernes Kreuz aus Kreuzberg, New York l\u00f6st sich in strukturlose Tiefe auf.<\/p>\n<p>Die K\u00fcnstlerin selbst jedoch bewahrt das genaue Ged\u00e4chtnis des Ortes: Sie wei\u00df, welche \u201eReiseskizze\u201c wo, was und wann entstanden ist. Durch ihren informellen, spontanen Blick entstehen tiefgr\u00fcndige Bilder, deren fotografischer Pigmentdruck auf mattgl\u00e4nzendem Aludibond differenziert wirkt \u2013 zwischen lasierender Zartheit und pastoser Schwere. Diese Bildfragmente wecken im Betrachter eine Sehnsucht nach den R\u00e4tseln der Natur, nach elementarer Kraft und ambivalenter Undurchdringbarkeit. Immer wieder entdeckt man Neues: organische Formen, gekappte Schriftzeichen, Farbflecken \u2013 Spuren, die der n\u00e4chste Regen schon fortgewaschen haben mag.<\/p>\n<p>Es folgt die Serie \u201eMetalimnion\u201c, die jene faszinierenden Grenzr\u00e4ume zwischen Ordnung und Chaos, zwischen Hochkultur und Alltag erkundet. Der Titel bezeichnet eine thermische Sprungschicht in Gew\u00e4ssern \u2013 eine Grenzzone, die verschiedene Welten trennt. Genau diese Zwischenr\u00e4ume untersucht Dietewich in ihren gro\u00dfformatigen Fotografien, die in gr\u00fcnlich-tr\u00fcben T\u00f6nen schimmern.<\/p>\n<p>Was auf den ersten Blick wie eine geheimnisvolle Unterwasserwelt erscheint \u2013 gr\u00fcnlich-t\u00fcrkise Fl\u00e4chen, die an schwebende Algen, urzeitliche Fossilien oder mikroskopische Organismen denken lassen \u2013 entpuppt sich bei n\u00e4herer Betrachtung als etwas v\u00f6llig anderes: Es sind Spuren von Skateboards, Bremsspuren, Verschmutzungen und Klebereste auf den gr\u00fcnlich durchsichtigen Oberlichtern des Kunstmuseums am Kleinen Schlossplatz in Stuttgart. Hier entfaltet sich das faszinierende Paradox der Serie: Unten im Museum gelten die strengen Regien der Kunst. Aber oben auf den Glasscheiben regiert das Chaos des Alltags \u2013 mit Kaugummis, Bremsspuren und Fingerabdr\u00fccken.<\/p>\n<p>Dietewich dokumentiert diese fl\u00fcchtigen Eingriffe und verwandelt sie durch ihre fotografische Perspektive in r\u00e4tselhafte, \u00e4sthetische Kosmen. Sie f\u00fchrt uns bewusst auf einen Irrweg, nur um uns dann mit der Erkenntnis zu konfrontieren, dass die Magie des Bildes unabh\u00e4ngig von seiner profanen Herkunft bestehen bleibt. Die Ver\u00e4nderung und sogar Zerst\u00f6rung werden so zur Grundlage einer neuen Sch\u00f6nheit. Man muss nicht wissen, dass es sich um Kaugummireste handelt, um in diesen gr\u00fcnlichen Raum einzutauchen. Doch wenn man es wei\u00df, stellt die Serie alles infrage: unsere Betrachtungsweise, die Definition von Kunst und die Hierarchie zwischen hochkulturellem Ort und allt\u00e4glicher Spur.<br \/>Metalimnion wird zur Metapher f\u00fcr die Schicht zwischen Illusion und Realit\u00e4t \u2013 und daf\u00fcr, dass die entscheidenden Zeichen oft genau dort zu finden sind, wo niemand sonst hinschaut.<\/p>\n<p>Mit den \u201eRoten Punkten\u201c betreibt Dietewich eine besonders konzentrierte Form der Spurensuche. Die Serie entstand 2010, unmittelbar nach der \u00d6ffnung des Tempelhofer Feldes in Berlin. Auf der Suche nach Spuren des neuen \u00f6ffentlichen Lebens entdeckte sie eine scheinbar banale Besonderheit: rote Punkte im Asphalt. Zwanzig dieser Motive sind hier in strenger Reihung platziert. Auf dickem B\u00fcttenpapier gedruckt, erh\u00e4lt jedes Bild die haptische Pr\u00e4senz eines Dokuments.<\/p>\n<p>Doch die anf\u00e4ngliche Gleichf\u00f6rmigkeit erweist sich als tr\u00fcgerisch. Kein Punkt ist perfekt rund, kaum einer zeigt reines Rot. Stattdessen offenbaren sich feine Differenzen: hier ein schwarzer Spritzer, dort eine graue Linie, ein dunkles Kreuz \u00fcber der &#8222;gl\u00fchenden Sonne&#8220;. Die Frage nach dem Ursprung &#8211; Bremsspuren, Turnschuhe, Skateboards &#8211; verliert bewusst an Bedeutung. Entscheidend ist die Transformation zu reiner Grafik: die intensive rosa-zinnoberrote Farbe, die mittige Anordnung. Der sich wiederholende, doch stets einzigartige &#8222;Sonnenkreis&#8220; wird zur Ansammlung von Energie.<br \/>Das ist typisch Dietewich: Sie bei\u00dft sich fest und sieht genau hin! W\u00e4hrend rote Punkte im Kunstbetrieb feierlich &#8222;Verkauft!&#8220; verk\u00fcnden, pr\u00e4sentiert sie uns eine ganze Armada solcher Punkte \u2013 die aber alles andere als gez\u00e4hmt sind. Ihre Punkte sind wild, verspielt und komplett unverk\u00e4uflich. W\u00e4hrend der Galerie-Punkt also einen Business-Deal feiert, erz\u00e4hlen ihre Punkte Geschichten von fl\u00fcchtigen Momenten und purer Lebensenergie. Ein cleverer und humorvoller Seitenhieb auf den Kunstbetrieb.<\/p>\n<p>Und der Ort, das Tempelhofer Feld, macht es noch ironischer: Auf diesem<br \/>historischen Boden, einst ein Symbol f\u00fcr Fortschritt, h\u00e4lt sie die Spuren von heute fest \u2013 die zuf\u00e4lligen, verg\u00e4nglichen Kunstwerke des Alltags. So schreibt sie die monumentale Geschichte dieses Ortes mit den feinen, poetischen Geschichten unserer Gegenwart fort. Die Serie \u201eFleeting Landscapes\u201c\u2013 zu Deutsch \u201eFl\u00fcchtige Landschaften\u201c \u2013 markiert eine Wende in Dietewichs Werk hin zur Erkundung der nat\u00fcrlichen Elemente. Diese mehrteilige Arbeit widmet sich den Spuren im Sand, den fl\u00fcchtigen Formationen, die an Strand und K\u00fcste von Wasser und Wind geschaffen und im n\u00e4chsten Moment schon wieder ausgel\u00f6scht werden. Dietewichs Kamera wird zur Zeugin jenes kurzen Augenblicks, in dem die Gezeiten, der Wind und die Schwerkraft gemeinsam Muster entstehen lassen \u2013 Muster, die f\u00fcr einen fl\u00fcchtigen Moment wie fertige Kompositionen erscheinen.<\/p>\n<p>In diesen Aufnahmen entstehen Landschaften im Kleinen. Aus den makroskopischen Aufnahmen der Sandoberfl\u00e4che lesen wir ganze Topografien: Wir sehen fjordartige Verzweigungen, wo das Wasser sich zur\u00fcckgezogen hat, delta\u00e4hnliche Strukturen und wellenf\u00f6rmige Rippel, die an D\u00fcnenfelder in der W\u00fcste erinnern. Mit gro\u00dfer Sensibilit\u00e4t f\u00e4ngt Dietewich auch zarte, fast florale Formen ein, wo sich Algenreste oder Schaum wie Ranken und Bl\u00fcten in den Sand schreiben. Es sind Zust\u00e4nde h\u00f6chster Verg\u00e4nglichkeit, dokumentiert in dem Wissen, dass die n\u00e4chste Welle, die n\u00e4chste B\u00f6e, alles wieder ver\u00e4ndern, tilgen und neu beginnen wird.<\/p>\n<p>In einer reduzierten, fast monochromen Farbpalette von Sand, Beige, Hellbraun, Ocker und dezentem Grau konzentriert sich der Blick ganz auf das Wesentliche: die Form, die Textur, das Licht. Dadurch offenbaren sich dem Betrachter die Urformen der Natur \u2013 abstrakte Kompositionen, die an archaische Landkarten oder mikroskopische Aufnahmen von Lebensadern erinnern. Die formale Pr\u00e4sentation dieser Serie unterstreicht ihren konzeptionellen Ansatz<br \/>eindrucksvoll. Die Einzelwerke sind im Querformat angelegt, was die Weite und Horizontalit\u00e4t der Landschaft folgerichtig betont. Die Serie &#8222;Fleeting Landscapes&#8220; entfaltet ihre volle Wirkung in der Reihung von vier bis f\u00fcnf Bildern. Diese lineare H\u00e4ngung erschafft eine visuelle Erz\u00e4hlung, die zum genauen Betrachten einl\u00e4dt. Man wird eingeladen, die feinen Variationen, den rhythmischen Wechsel und das subtile Fortschreiten der Formen zu verfolgen \u2013 wie die Seiten eines Tagebuchs, das die fl\u00fcchtigen Aufzeichnungen von Wind und Wasser festh\u00e4lt.<br \/>In \u201eVanishing Universe\u201c setzt Dietewich ihre Erkundung der nat\u00fcrlichen Zeichen und Hieroglyphen fort und f\u00fchrt uns noch tiefer in abstrakte antarktische Welten, die an mikroskopische Organismen oder kosmische Nebel erinnern. Hier verdichtet sich ihre Suche nach der essenziellen Formensprache des Verg\u00e4nglichen zu einer universellen Bildsprache, die sowohl das Allerkleinste als auch das Allergr\u00f6\u00dfte umfasst. Die Serie wird zu einer Meditation \u00fcber die Kreisl\u00e4ufe von Entstehen und Vergehen, die sich durch das gesamte Universum ziehen.<\/p>\n<p>Den Abschluss unserer Reise durch Dietewichs Werk bildet die Serie \u201eTorshavn\u201c, bzw. \u201eF\u00e4roer Inseln\u201c welche die essentielle Topografie dieser Insel-Gruppe in eine unmittelbare, haptische Bildsprache \u00fcbersetzt. Im Mittelpunkt stehen keine postkartenhaften Landschaftsaufnahmen, sondern die aufgerauten, gezeichneten Oberfl\u00e4chen der Insel selbst: die Wegspuren vom Stra\u00dfenrand. In einer reduzierten, kraftvollen Palette aus Grau und Schwarz f\u00e4ngt die K\u00fcnstlerin das zutiefst Verg\u00e4ngliche und gleichzeitig Ewige dieser Nordatlantiklandschaft ein.<\/p>\n<p>In diesen Nahaufnahmen t\u00fcrmen sich Berge aus Asphalt und Gestein auf, scheinbar \u00fcber Nacht entstehen neue Gebirgsz\u00fcge aus aufgerissenem Material, nur um im n\u00e4chsten Bild wieder in sich zusammenzusinken. Was wir sehen, sind die Narben der Elemente und die Spuren der Nutzung: tiefe Risse im Boden, asphaltierte Splitter und die Textur von Gestein, das \u00fcber Jahrtausende von Eis und Wind gepresst wurde. Diese Nahsichten, die an abstrakte Malerei erinnern, erz\u00e4hlen eine vielschichtige Geschichte. Sie sind zugleich Karte und Territorium. Die feinen Ver\u00e4stelungen der Risse zeichnen die fjorddurchzogene K\u00fcstenlinie der Inseln nach; die groben, dunklen Fl\u00e4chen evozieren die basaltischen Klippen.<\/p>\n<p>Dietewich gelingt es damit erneut, das vermeintlich Bedeutungslose und \u00dcbersehene \u2013 den Staub, den Riss, die Schramme \u2013 zu einem poetischen Zeugnis eines Ortes zu erheben. Die Serie &#8222;Torshavn&#8220; ist keine Beschreibung der Landschaft von au\u00dfen, sondern eine Innenschau. Sie l\u00e4dt uns ein, die Inseln<br \/>nicht mit den Augen eines Betrachters, sondern durch die Haut ihrer eigenen Oberfl\u00e4chen zu begreifen, in einer st\u00e4ndigen, geologischen Transformation.<\/p>\n<p>Entwicklung<br \/>Betrachtet man Dietewichs k\u00fcnstlerische Entwicklung im Gesamten, so vollzieht sie sich in einer faszinierenden Umkehrung konventioneller Erwartungen: Ihren Anfang nahm ihre Spurensuche mit der Serie \u201eWegst\u00fccke\u201c. Hier richtete sie ihren fokussierten Blick bereits fr\u00fch auf die menschengemachten Spuren im urbanen Raum \u2013 auf die Arch\u00e4ologie des Alltags, eingeschrieben in Asphalt und an Mauern. Diese Arbeiten lesen die Haut der Zivilisation wie ein offenes Buch und heben die unabsichtliche Poesie unserer Hinterlassenschaften in den Status des Betrachtungsw\u00fcrdigen.<\/p>\n<p>Erst danach, in Serien wie \u201eVanishing Universe\u201c und \u201eFleeting Landscapes\u201c, weitete die K\u00fcnstlerin ihre Untersuchung aus auf die Spuren, Zeichen und Muster der Natur selbst. Vom asphaltierten Stadtboden wandte sie sich den D\u00fcnen am Meer zu, von den Schrammen der Zivilisation den Hieroglyphen von Wind und Wasser. Diese umgekehrte Chronologie ist von gro\u00dfer Bedeutung: Sie zeigt, dass Dietewichs k\u00fcnstlerische Methode \u2013 das Sehen-Lernen im scheinbar Belanglosen \u2013 nicht in der unber\u00fchrten Natur, sondern direkt vor unseren F\u00fc\u00dfen in der allt\u00e4glichen Lebenswelt begann. Ihr Weg f\u00fchrte nicht von der Weite der Landschaft in die Enge der Stadt, sondern genau umgekehrt: Vom Mikrokosmos des urbanen Zeichens hinaus in die makrokosmischen Schriftz\u00fcge der nat\u00fcrlichen Elemente.<\/p>\n<p>Damit erweist sich ihr Werk als eine konsequente Erweiterung des Wahrnehmungsfeldes. Was in den \u201eWegst\u00fccken\u201c als Erkundung des unmittelbar Menschlichen begann, fand seine universelle Entsprechung in den \u201eFl\u00fcchtigen Landschaften\u201c. Beide Serien zusammen bilden eine umfassende Kartographie der Verg\u00e4nglichkeit \u2013 eine Suche nach der essenziellen Formensprache, die sich durch alles Sichtbare zieht, ob von Menschenhand geschaffen oder vom Wirken der Elemente geformt.<\/p>\n<p>Vor zwanzig Jahren lernte ich Klaudia Dietewich und ihren Mann Raimund kennen \u2013 seither verfolge ich einen Werdegang, der vom Siebdruck zur Fotografie f\u00fchrte und in eine unverwechselbare k\u00fcnstlerische Handschrift m\u00fcndete. Die in Freudenberg geborene und seit langem in Stuttgart lebende K\u00fcnstlerin hat einen besonderen Weg hinter sich: Nach ihrem Sozialp\u00e4dagogik-Studium und Berufst\u00e4tigkeit fand sie zwischen 1999 und 2007 an der Europ\u00e4ischen Akademie Trier zur Kunst \u2013 zun\u00e4chst zum Siebdruck, dann mit rasender Geschwindigkeit zur Fotografie.<\/p>\n<p>Schon immer ist Dietewich eine reisende K\u00fcnstlerin, ob per Fahrrad, Auto oder Flugzeug. Dieses permanente Unterwegssein, das Einsammeln wundersamer Weg- und Asphaltst\u00fccke mit der Kamera, das Aufsp\u00fcren verborgener Bruchstellen und Sch\u00f6nheiten \u2013 das ist zu ihrem Markenzeichen geworden. Was als k\u00fcnstlerische Suche begann, ist zur unverwechselbaren Bildsprache gereift. Zahlreiche, weltweite Ausstellungen, Sammlungs- und Museumsank\u00e4ufe belegen dies.<\/p>\n<p>Wir alle wollen Spuren hinterlassen, verbunden mit einer tiefen Sehnsucht nach Echtheit. Diese Sehnsucht nach dem eigentlich Unm\u00f6glichen, nach Leidenschaft, nach der Kraft, den Lauf der Dinge zu beeinflussen \u2013 all das verdichtet sich im Werk von Klaudia Dietewich. Gemeinsam mit ihrem Partner Raimund hat sie diese Sehnsucht in eine ungeheure k\u00fcnstlerische Kraft verwandelt. Eine Kraft, die uns immer wieder herausfordert, \u00fcberrascht und zutiefst beeindruckt.<\/p>\n<p>Ihr Werk fordert uns auf, die Welt mit neuen Augen zu sehen \u2013 als ein lebendiges Archiv fl\u00fcchtiger Momente, die in ihrer Kunst eine bleibende, poetische Pr\u00e4senz gewinnen.<br \/>Vielen Dank f\u00fcr Ihre Aufmerksamkeit.<\/p>\n<p>[\/et_pb_text][et_pb_divider _builder_version=&#8220;4.19.0&#8243; _module_preset=&#8220;default&#8220; global_colors_info=&#8220;{}&#8220;][\/et_pb_divider][et_pb_text _builder_version=&#8220;4.27.4&#8243; _module_preset=&#8220;default&#8220; global_colors_info=&#8220;{}&#8220;]<\/p>\n<h2>Klaudia Dietewich<br \/>Fl\u00fcchtige Landschaften \u2028Fotografien<\/h2>\n<p>Einf\u00fchrung: Henner Grube<br \/>Waiblingen, Neuer Kunstverlag, 13. Februar 2025, 18:30 Uhr<\/p>\n<p>Die Wellen kommen. Die Wellen gehen. Etwas bleibt.<br \/>Der k\u00fcnstlerische Prozess verlangt Zeit. Ein reicher, vielf\u00e4ltiger und entwickelter Hintergrund von Erfahrungen f\u00f6rdert die Inspiration, kann etwas schaffen, was vorher nicht war. Die K\u00fcnstlerin erschlie\u00dft auf dem Hintergrund von Traditionen neue Erfahrungsbereiche und Perspektiven. Die Vorbilder, selbst die Urbilder der Kunst liegen jedoch in der Natur und mitten im Leben. Das Ergebnis vereint Altes mit Neuem.<br \/>Klaudia Dietewich und ihr Mann, Raimund Menges, reisen um die Welt. Mit dem Flugzeug, mit dem Schiff \u2026<br \/>Hier, im Neuen Kunstverlag, Waiblingen, ist im letzten Jahr von Klaudia Dietewich ein Buch mit Fotos von der Antarktis erschienen: \u00bbVanishing Universe\u00ab. Wei\u00dfe Schneefl\u00e4chen. Uneben. Gletscherfelder. Lavaschwarze Z\u00fcge von Bergen und H\u00fcgeln. Gelegentlich Aspekte der Meeresk\u00fcste. Eine diesige, eiskalte Atmosph\u00e4re. Unwirtlich. Menschenleer, abseits der Zivilisation. Apokalyptische Visionen werden geweckt &#8230; Vielleicht das Verschwinden der Welt. Andererseits: eine erhabene, gro\u00dfartige, bei sich seiende Welt.<\/p>\n<p>Klaudia und Raimund reisen. Sie fahren mit dem Fahrrad. Sie gehen zu Fu\u00df. Was bringt Klaudia mit?<br \/>Begonnen hat die K\u00fcnstlerin Klaudia Dietewich mit Siebdrucken; bekannt aber ist sie seit langem mit Fotoarbeiten.<br \/>In der Serie \u00bbWegst\u00fccke\u00ab pr\u00e4sentierte sie im Laufe der Jahre eine sehr gro\u00dfe Zahl von Fotos, die vor allem Ausschnitte aus dem Belag von Stra\u00dfen, Wegen, Pl\u00e4tzen zeigen, jedoch vereinzelt ebenso von W\u00e4nden, aus St\u00e4dten und Landschaften, Industrieanlagen und anderen Geb\u00e4udekomplexen. Rissig gewordene Partien von Oberfl\u00e4chen sind zu sehen, Ver\u00e4nderungen durch Witterung, durch Ausbesserungen, Bremsspuren, farbige Markierungen f\u00fcr Reparaturen, geod\u00e4tische Kennzeichnungen, Flecke von Farbresten, R\u00e4nder von Wasser- und \u00d6llachen, Kreidezeichen, \u00dcberklebungen, Schriftfetzen \u2026<br \/>Die Fotos lassen gegenst\u00e4ndliche oder abstrakte Motive bildender Kunst anklingen, mal organisch, mal informell und expressiv, mal konstruktivistisch und geometrisch \u2026 Mal rufen sie Assoziationen an Gel\u00e4nde oder an Strichm\u00e4nnchen hervor. B\u00e4ren, Am\u00f6ben, B\u00e4ume, Str\u00e4ucher meint man zu sehen. Andere Figurationen wirken wie Regen, Schatten, weitere wie Skizzen oder wie Signets \u2026 Eine faszinierende F\u00fclle.<\/p>\n<p>Fotografiert wurde f\u00fcr diese Serie in Europa, Amerika, Asien. Immer hat die K\u00fcnstlerin ihre digitale Kamera dabei, wenn sie mit dem Fahrrad f\u00e4hrt oder durch St\u00e4dte bummelt. Den Boden l\u00e4sst sie nicht aus dem Blick. Sie z\u00fcckt die Kamera, fotografiert.<br \/>Am Computer trifft Klaudia eine Auswahl, bestimmt den fotografischen Ausschnitt; ansonsten wird nichts ver\u00e4ndert, keine Farbe, keine Gestaltung. In dieser Serie \u00bbWegst\u00fccke\u00ab wird nicht das Erhabene, sondern das Unscheinbare zum Thema.<br \/>Klaudia liebt das \u201eWabi Sabi\u201c, eines der klassischen japanischen \u00e4sthetischen Ideale. Es ist mit dem Tee-Weg und mit Architektur, Keramik, Gartenkunst, Kalligraphie verbunden. Es verwirklicht eine Sch\u00f6nheit, die in der Einfachheit und Nat\u00fcrlichkeit liegt. Die von Wabi Sabi gepr\u00e4gten Dinge sind eher asymmetrisch, rau, unregelm\u00e4\u00dfig, erdverbunden, gekennzeichnet von Spuren des Gebrauchs, der Abnutzung, des Verfalls. Perfektion, gar Gro\u00dfartigkeit, Pracht oder \u00e4u\u00dferliche Gef\u00e4lligkeit werden nicht gesucht. Ungek\u00fcnstelt und unaufdringlich wird das Gew\u00f6hnliche, Schlichte, das Vertraute, Allt\u00e4gliche umspielt. K\u00fcnstlerische Gegenst\u00e4ndlichkeit wird gepaart mit tiefer Kontemplation der Verg\u00e4nglichkeit und einem ganzheitlichen Weltbild.<\/p>\n<p>Wir Menschen kommen und gehen. Was bleibt zur\u00fcck, wenn der Mensch die Erde verlassen hat?<br \/>Den j\u00fcngsten Bildern von Klaudia gilt der neueste Katalog, das neueste Buch hier im Neuen Kunstverlag: \u00bbFleeting Landscapes. Fl\u00fcchtige Landschaften\u00ab.<br \/>Schemenhafte fast monochrome Bilder werden gezeigt. Zuerst Landschaften im Querformat \u00fcber zwei nebeneinander liegende Seiten, Landschaften, die in den Bodenformationen auch gemahnen k\u00f6nnen an die Antarktisbilder. Mehrere Landschaften leicht gewellt, andere etwas h\u00fcgeliger. Gelegentlich aber gibt es in diesen Landz\u00fcgen stellenweise Bewuchs oder einzelne geborstene B\u00e4ume. Dann im Hochformat, wieder \u00fcber zwei Seiten, Details aus solchen Landschaften: organische Formen, Pflanzen, Kraut, einzelne B\u00fcschel, mal im Wind bewegt, mal gerade aufstrebend. Hier erkennt man vielleicht Flammen, dort vermutet man m\u00f6glicherweise gar Eruptionen &#8230;<br \/>Fotografisch festgehalten sind hier \u2026 Ph\u00e4nomene im Sand. An einem Strand in der Bretagne hat Klaudia Dietewich die Erscheinungen f\u00fcr sich und f\u00fcr uns entdeckt. Im Sand des Strandes befinden sich kleine schwarze Lavapailletten. Die Wellen des starken Gezeitenhubs nehmen Sand und Lavateilchen mit. Die leichteren schwarzen Teilchen segeln \u00fcber den schwereren Sand, lagern sich ab, durchziehen ihn. Mit jeder Welle entstehen neue Muster. F\u00fcr kurze Momente bleiben sie bestehen, bis eine neue Welle kommt. Zarte \u2026 fl\u00fcchtige Existenz. Empirie des Augenblicks. Ein st\u00e4ndiger Wechsel. Alles ist im Fluss, kommt scheinbar aus dem Nichts, wird weggewischt, Neues entsteht \u2026<br \/>Dem Ort, an dem Klaudia Dietewich ist, gewinnt sie neue Eindr\u00fccke und Seiten ab \u2026 Die gro\u00dfen Blicke und Gesten scheut sie nicht. Jedoch nicht den traditionellen Erz\u00e4hlungen und atmosph\u00e4rischen Beschreibungen folgt sie, sondern poetische Details wahrnehmend, ihnen nachsp\u00fcrend, sie sammelnd. Egal, ob es auf dem Weg, an der Wand oder am Strand ist. Egal, ob es Bereiche unserer Alltagskultur oder der Natur sind. Die K\u00fcnstlerin schenkt dem Gro\u00dfartigen wie dem scheinbar Belanglosen, h\u00e4ufig \u00dcbersehenen und Unperfekten Aufmerksamkeit. Mit ihren Bildern hebt sie Beachtenswertes hervor. \u00dcberg\u00e4nge zeigt sie zwischen Zust\u00e4nden, zwischen Kunst und Natur, Umwelt und Leben.<br \/>Wellen kommen. Wellen gehen. Klaudia und Raimund reisen. Klaudia, was wirst Du als n\u00e4chstes f\u00fcr Dich und uns entdecken?<br \/>Das k\u00fcnstlerische Wirken ist schier unerm\u00fcdlich. In der Kunst stehen am Anfang: Aufmerksamkeit, Neugierde, Staunen, Freude, Begeisterung, Lebenslust, Liebe. Vielf\u00e4ltige Energien sind erkennbar, Kr\u00e4fte, die bewegen und aufr\u00fchren. Formen, Farben, Perspektiven und Horizonte der Werke der Kunst transformieren bei gelingender Kommunikation Ansichten, Einstellungen und Lebensumst\u00e4nde auch beim Betrachter. All das bleibt. Solange es Menschen gibt, bleibt dieser suchende, begehrende, formende, dieser unb\u00e4ndige erotische Geist menschlicher Natur \u2026 und Kultur.<br \/>Genie\u00dfen wir die Fotos und B\u00fccher von Klaudia!<\/p>\n<p>Dir, Klaudia, und dem Neuen Kunstverlag gilt unser aller Dank! Viel Erfolg!<\/p>\n<p>[\/et_pb_text][et_pb_divider _builder_version=&#8220;4.19.0&#8243; _module_preset=&#8220;default&#8220; global_colors_info=&#8220;{}&#8220;][\/et_pb_divider][et_pb_text _builder_version=&#8220;4.24.2&#8243; _module_preset=&#8220;default&#8220; global_colors_info=&#8220;{}&#8220;]<\/p>\n<h2>Einf\u00fchrung<br \/>zur Buchvorstellung und Ausstellung \u201eVanishing Universe\u201c<\/h2>\n<h4>Fotografien von Klaudia Dietewich<\/h4>\n<p>Neuer Kunstverein und Galerie, 71332 Waiblingen<br \/>Donnerstag, 1. Februar 2024<\/p>\n<p>Als ich vor einiger Zeit in einer Ausstellung (Kunstbezirk im Gustav-Siegle-Haus, Stuttgart, 2023) zum ersten Mal mit einer Auswahl aus der Werkgruppe Vanishing Universe von Klaudia Dietewich konfrontiert war, hatte ich von der K\u00fcnstlerin die Vorinformation, dass es sich dabei um eine Folge von Fotoarbeiten handle, die auf Eindr\u00fccke einer Reise durch die Antarktis zur\u00fcckgehen. In der unmittelbaren Begegnung nun mit diesen Arbeiten spielte es f\u00fcr mich aber erstaunlicherweise zun\u00e4chst \u00fcberhaupt keine Rolle, in welcher k\u00fcnstlerischen Technik dieselben tats\u00e4chlich ausgef\u00fchrt sind und welche Sujets oder topografischen Details sie betreffen m\u00f6gen.<\/p>\n<p>Die Reihe der dort gezeigten \u201eBilder\u201c \u2013 Bilder in einem weiteren Sinn verstanden als Bilderfahrungen der uns umgebenden Welt \u2013 enthoben sich in ihrer ephemeren Wirkung n\u00e4mlich unversehens der meterhoch schweren W\u00e4nde des klobigen Ausstellungsraums. Sie h\u00e4tten ebenso gut wie Fotografien auch Malereien sein k\u00f6nnen, mit dem Schmelz nuanciert sich \u00fcberlagernder Farblasuren. Oder aber Zeichnungen im fein ausdifferenzierten Wechselspiel von Licht und Schatten. Oder vielleicht doch druckgrafische Bl\u00e4tter, etwa die einer versierten Bildhauerin, deren vielgestaltige Oberfl\u00e4chenstrukturen die handgreiflich physischen Bearbeitungsprozesse auf den zugrundeliegenden Platten und St\u00f6cken widerspiegeln.<\/p>\n<p>Die aktuelle Publikation Vanishing Universe von Klaudia Dietewich greift die Unmittelbarkeit die Wirkung dieser Fotoarbeiten jedenfalls auf bemerkenswerte Weise auf. Schon von Weitem besehen gibt sie sich gerade nicht als lifestyletauglicher Fotobildband in Hochglanzmanier aus \u2013 allein schon der Titel auf dem Cover verschwebt in einer atmosph\u00e4rischen Weite oder fast unsichtbar zum unteren Rand hin. Und trotz der erstarrenden k\u00fchlen Farbigkeit der Abbildungen von Wasser, Schnee, Eis, Fels und Gestein liegt es beim Bl\u00e4ttern doch angenehm weich in der Hand, um auch als Buchobjekt deutlich zu machen, dass das, was wir mit den Empfindungen eines scheinbar menschenfeindlichen Lebensraumes verbinden, durch und durch mit unserer eigenen Existenz \u2013 und damit unserem \u00dcberleben \u2013 zusammenh\u00e4ngt.<\/p>\n<p>Nicht von einem anderen Stern also, sondern ganz und gar aus dieser Welt stammen diese Bilder eines \u2013 keineswegs allm\u00e4hlich, sondern in rasender Geschwindigkeit \u2013verschwindenden Weltalls (Vanishing Universe). Die Zerst\u00f6rung urspr\u00fcnglicher Natur als der existenziellen Lebensgrundlage des Menschen ist in der fotografischen Serie von Klaudia Dietewich jedoch auf eine eher still beobachtende Weise festgehalten, die ohne vordergr\u00fcndigen klimapolitischen Protestanspruch auskommt. Unter dem Eindruck ihrer Erkundungsreise durch die Antarktis sind vielmehr Aufnahmen entstanden, die zwischen gesehener Wirklichkeit einerseits und dem f\u00fcr v\u00f6llig unwirklich Gehaltenen andererseits hin und her changieren. Die gewaltigen Elementarkr\u00e4fte der Natur erscheinen so paradoxerweise gleichzeitig im Verlust ihrer eigenen Wirkm\u00e4chte begriffen, den die anhaltende Umweltverschmutzung verursacht. Ein tiefes Erstaunen setzt ein, angesichts dieser urt\u00fcmlichen Naturlandschaften und im selben Moment doch auch ein ungl\u00e4ubiges Staunen vor ihrem durch unser Verhalten beschleunigten Verschwenden und Verschwinden.<\/p>\n<p>Immer wieder hat Klaudia Dietewich auf ausgedehnten Reisen Wegezeichen \u2013 etwa zuf\u00e4llige Rissbildungen im Stra\u00dfenasphalt, Fahrbahnmarkierungen, Spuren von Autoreifen u.\u00e4. \u2013 anhand von umfangreichen fotografischen Werkgruppen gesammelt. Auf Baryt-Abz\u00fcgen oder auf Alu-Dibond nahsichtig fokussiert gleichen auch sie abstrakten Malereikompositionen oder gestischen Zeichnungen. Handelte es sich bei diesen Arbeiten jedoch um menschengemachte Bezeichnungsspuren, die sich \u2013 h\u00e4ufig mittels technischer Apparate vorgenommen \u2013 auf dem Untergrund des Erdbodens ausgebreitet haben, \u201ezeichnet\u201c nun mit der Folge Vanishing Universe die Natur selbst (und ist von menschlichem Missverhalten in schmerzlichem Sinne gezeichnet). Nicht mehr Schichten sukzessive angelagert, sondern Jahr f\u00fcr Jahr, Tag f\u00fcr Tag \u2013 in umgekehrter Richtung \u2013 Sediment um Sediment unwiederbringlich abgetragen, gibt die Erde so in der Fotografie die inneren Gesichte(r) ihrer Vorvergangenheiten f\u00fcr einen kurzen Augenblick preis.<\/p>\n<p>Zwischen zwei Polen, Arktis und Antarktis \u2013 Meer von Land umringt, Land von Meer umgeben \u2013, inmitten der einstmals unterstellten Ewigkeit des Eises und einem unaufhaltbaren Verschwinden: Wie fahle Traumgebilde ragen die lavaschwarzen Landmassen aus den Schneefeldern empor, feingratige Silhouetten an den hoch aufget\u00fcrmten Berggipfeln, die abw\u00e4rts in ein weiches Wei\u00df zerfallen, sowohl die See darunter als auch der Himmel dar\u00fcber ruhig verhaltene Fl\u00e4chen. Rotalgige Lichter glimmen unter den riesigen Eisschorfen hervor, ein bedroht-bedrohliches Niemandsland \u00f6ffnet sich da vor uns \u2013 jenes inwendige Leuchten, in dem unvermutet Jahrmillionen verborgenes Pflanzenleben m\u00f6glich ist, das gut und gerne auch ohne den Menschen h\u00e4tte auskommen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Clemens Ottnad<\/p>\n<p>[\/et_pb_text][et_pb_divider _builder_version=&#8220;4.19.0&#8243; _module_preset=&#8220;default&#8220; global_colors_info=&#8220;{}&#8220;][\/et_pb_divider][et_pb_text _builder_version=&#8220;4.19.5&#8243; _module_preset=&#8220;default&#8220; global_colors_info=&#8220;{}&#8220;]<\/p>\n<h2>Einf\u00fchrung<br \/>zur Ausstellung\u00a0\u201eregarde\u201c<\/h2>\n<h4>Fotografien von Klaudia Dietewich<\/h4>\n<p>Orangerie im Hofgarten, 74592 Kirchberg\/Jagst<\/p>\n<p>Sonntag, 11. September 2022<\/p>\n<p>Kennen sie das, sie sind nach einem Regenschauer unterwegs in der Natur, unterwegs in der Stadt, ganz egal wo, ob im tiefsten Wald oder im verwinkelten Hinterhof zwischen grauen Hausmauern, sie bewegen sich auf eine Pf\u00fctze zu und aus einem bestimmten Winkel spiegelt sich der Himmel darin, das ist jedes Mal ein Schauspiel, ist jedes Mal ergreifend und irgendwie auch ein gro\u00dfer Trost den Himmel in einer Pf\u00fctze zu sehen und schon die Kinder wissen, wenn man sich vor der Pf\u00fctze klein macht, sieht man mehr vom Himmel.<br \/>Und wenn wir auf die Orangerie hier im Hofgarten zulaufen, wenn wir auf das Ausstellungsgeb\u00e4ude zu kommen sehen wir die zweiteilige Arbeit \u00b4regarde le ciel\u00b4 von der K\u00fcnstlerin Klaudia Dietewich, Schau in den Himmel zu Deutsch und tats\u00e4chlich spiegeln sich nicht nur die B\u00e4ume und B\u00fcsche wieder, sondern auch der Himmel wird von den Fensterscheiben der Orangerie wiedergespiegelt. Vermutlich stand das rasch hin gespr\u00fchte Graffiti auf dem Boden, irgendwo in Paris und die aufmerksame K\u00fcnstlerin hat es mit ihrer Kamera festgehalten.<br \/>Seit dem Klaudia Dietewich ihre Arbeit als Sozialarbeiterin vor vielen Jahren aufgegeben hat, seitdem sie Malerei und Zeichnung und auch das Siebdrucken komplett eingestellt hat, seitdem hat sie ein k\u00fcnstlerisches fotografisches Werk geschaffen, dessen Bedeutung nun immer st\u00e4rker hervortritt, da es sich abseits von g\u00e4ngigen Modeerscheinungen kontinuierlich entwickelt hat.<br \/>Die K\u00fcnstlerin fotografiert Spuren, sie h\u00e4lt ihre Kamera, wo sie geht und steht auf den Erdboden, sie fotografiert Stra\u00dfenst\u00fccke und L\u00f6cher und Schrammen im Gehweg, ihr Interesse gilt den Verletzungen der Stra\u00dfe, dem schadhaften und geflickten Asphaltst\u00fcck, nicht dem Makellosen, so bildet das rissige Asphaltst\u00fcck am Stra\u00dfenrand den N\u00e4hrboden f\u00fcr Kunst. Die K\u00fcnstlerin findet das Aufregende und Bemerkenswerte in ihrer urbanen und n\u00e4chsten\u00a0Umgebung an der Bordsteinkante in Stuttgart Degerloch, genauso wie im weitentfernten rissigen Mauerst\u00fcck in Shanghai.<br \/>Heutzutage ist gerade das Glatte und Makellose die Signatur der Gegenwart und ich frage mich warum nur finden wir das Glatte so sch\u00f6n?<br \/>Es verk\u00f6rpert die heutige Positivhaltung, in besonderem Ma\u00dfe mit unseren superglatten Smartphones folgen wir der \u00c4sthetik des glattgeb\u00fcgelten, nicht nur \u00c4u\u00dferlich, sondern auch inhaltlich wirkt jegliche Art von Kommunikation gegl\u00e4ttet, es gelten nur noch Positive Likes, ein Dislike, also ein gef\u00e4llt mir gar nicht \u2013 gibt es nicht mehr in der Welt der Influencer auf Instagram. Sharing und Like sind ein kommunikatives Gl\u00e4ttmittel, Negatives wird eliminiert, weil sie Hindernisse f\u00fcr unsere beschleunigte Kommunikation darstellen.<br \/>Wie wohltuend kommen da die Wegst\u00fccke von Klaudia Dietewich daher, einmal entdeckt und fotografiert, werden sie zu Hause am Computer geordnet und katalogisiert, Akribisch h\u00e4lt die K\u00fcnstlerin Ort, Zeit und Datum f\u00fcr jedes dieser Fotoobjekte fest und beschriftet diese nach dem Druck auf Alu-Dibondplatten detailliert nebst Signatur auf der R\u00fcckseite.<br \/>Immer also w\u00e4hlt die K\u00fcnstlerin sorgsam das Material, w\u00e4hlt den Ausschnitt,<br \/>w\u00e4hlt aus, nach Kriterien der Malerei, von der sie herkommt, sie w\u00e4hlt den komponierten Ausschnitt der nach den Gesetzm\u00e4\u00dfigkeiten ihrer Kunst funktioniert so aus, das Farbe und Form stimmen und im spannungsreichen zueinander stehen. Lange Arbeitsphasen von gro\u00dfer Intensit\u00e4t gehen den so leicht daherkommenden Tafeln voraus, Stunden und Tagelanges ausw\u00e4hlen und einkreisen der Motive.<br \/>Sehen &#8211; Denken &#8211; Entscheiden.<br \/>Und somit macht Klaudia Dietewich eine nebens\u00e4chliche Begebenheit die unter uns, auf der Stra\u00dfe und unter unseren F\u00fc\u00dfen liegt zum Bild und zum Kunstwerk.<br \/>Und was sich nicht alles entdecken l\u00e4sst auf den in mehrere kleingruppen aufgeteilten Wegst\u00fccke. Ein br\u00fcchiger gelber Streifen, mit schwarz entschlossenem Punkt auf gr\u00fcn aufgerautem Grund aus Pittsburgh, eine aufsteigende kleine Atomwolke aus Nagasaki, ein f\u00fcnfteiliger Federbusch aus Oldenburg vor blau geometrischem Grund, ein umgeworfener unf\u00f6rmiger Tisch aus Istanbul auf dunkelrotem Teppich, eine herrlich gelbe Socke aus Buenos Aires, ein schwarzer Klecks mit kleinen Freunden aus Tokio und ein herabh\u00e4ngendes \u00c4stchen aus Wissembourg in Frankreich, mit einem letzten Blatt dran. Aus W\u00fcrzburg winkt uns ein kleines Engelchen her\u00fcber und der schiefe Turm von Pisa steht nun in Paris.<br \/>Sie sehen es l\u00e4sst sich leicht eine Menge in die Dinge hineinlesen, ohne dass sie dadurch einen echten Sinn oder Unsinn erhalten.<br \/>Diese Zeichen weisen auf nichts hin. Sie stehen f\u00fcr sich selbst und sind frei. Und doch regen sie meine Phantasie an, und tun dies noch mehr, wenn ich erfahre, woher diese wundersamen Wegzeichen und Asphaltzeichnungen kommen und wie universell sie letztlich sind!<br \/>Rote Punkte<br \/>Rote Punkte stehen im Kunstbetrieb f\u00fcr einem Verkauf, rote Punkte stehen also wenn man so will f\u00fcr Erfolg, f\u00fcr einen Erfolg der K\u00fcnstlerin oder des Galeristen. Vor Jahren war ich auf einer Kunstmesse vertreten und 5 Tage lang beobachtete ich haarscharf das Geschehen auf den Galeriekojen gegen\u00fcber.<br \/>Die Woche ging schleppend vor\u00fcber, war anstrengend und die Verk\u00e4ufe, sowohl in der eigenen und den benachbarten Kojen waren tr\u00e4ge und lie\u00dfen sehr zu w\u00fcnschen \u00fcbrig.<br \/>Am Sonntagabend aber, es mag wohl nach 17Uhr gewesen sein, tat sich erstaunliches, ich beobachtete die zwei h\u00fcbschen M\u00e4dels der durchaus Namhaften Galerie Visasvis und sie klebten flei\u00dfig rote Punkte, an fast alle Bilder, die ausgestellt waren.<br \/>Ich st\u00fcrmte hin\u00fcber, um zu gratulieren und freute mich ob der Flut an Roten Punkten, \u2026\u2026\u2026\u2026die beiden M\u00e4dels grinsten nur und eine sagte freundlich, der Chef habe gerade angerufen und befohlen rote Punkte zu kleben\u2026.<br \/>Irritiert und entt\u00e4uscht ging ich zur\u00fcck wusste fortan: Ich bin im Kindergarten.<br \/>Diese kleine, eher lachhafte Episode hat nichts zu tun mit der Arbeit von Klaudia Dietewich, sie zeigt einzig und allein, dass Lug und Trug und viel hei\u00dfe Luft auch auf dem Kunstmarkt, wie \u00fcberall zum Tagesgesch\u00e4ft geh\u00f6ren.<br \/>Gleich nachdem das Tempelhofer Feld in Berlin im Jahr 2010 f\u00fcr die \u00d6ffentlichkeit frei gegeben wurde, reiste die K\u00fcnstlerin genau dort hin, um zu fotografieren, vermutlich hat sie vieles gesichtet, vieles entdeckt und noch mehr fotografiert. Darunter auch eine ganze reihe von Roten Punkten, 20 davon hat sie an der Stirnwand dieses Raumes und ums Eck herum h\u00e4ngend platziert. Auf besonders dickem B\u00fcttenpapier ausgedruckt kommen alle Roten Punkte jeweils anders daher, niemals sind sie gleich rund und kaum einer ist nur reines Rot, hier ein schwarzer Punkt auf 6 Uhr, dort eine graue Linie auf Halb Acht, hier ein dunkles Kreuz 3\/ 4 F\u00fcnf und hier eines quer durch die gl\u00fchende Sonne.<br \/>Woher die Spuren kommen m\u00f6gen, spielt gar keine Rolle mehr, ob von Bremsspuren eines Fahrrads oder von Turnschuhen, von Skateboards oder\u00a0Dreir\u00e4dern, das ist ganz egal, entscheidend ist nur ihre grafische Wirkung, ihre Zinnoberrote Farbe, ihre immergleiche Anordnung, mittig auf dem starken B\u00fctten, der sich wiederholende Sonnenkreis, sich immer anders wiederholend ist es ein Ansammlung von Kraft und Energie, das ist der Stil der K\u00fcnstlerin, an einer Sache dran zu bleiben, genau zu sehen und uns damit zu konfrontieren, einer Sache auf den Grund gehen, wieder und wieder, und uns fragend ob wir mitgehen auf die Suche nach den kleinen Unterschieden, ob wir mitgehen nach den reizvollen Entdeckungen im Rot und uns fragend was ein Bild oder eine Bildreihe kann? Was leisten die Farben? Was bewirken sie im Raum?<br \/>Dem bewussten Betrachter geben sie viel und da sie sich auf einem ehemaligen Flugfeld befinden, einem Flugfeld, das dazu gedacht war in den Himmel abzuheben passen sie wieder so gut zu unserem anf\u00e4nglichem Himmelsblick.<br \/>Metalimnion<br \/>Ich glaube manche Zeichen k\u00f6nnen nur von Klaudia Dietewich gefunden werden, k\u00f6nnen nur von ihr entdeckt werden oder noch eindeutiger gesagt, sie sind nur deshalb existent um von ihr gefunden zu werden!<br \/>Mit der Serie Metalimnion zeigt uns die K\u00fcnstlerin erneut das ihre Fotografien nicht einfach einen Ausschnitt aus der Sichtbaren Welt, der sichtbaren Erscheinungen zeigen, sondern vielmehr die visuellen Spuren der Zeit abbildet, in der sie entstanden sind.<br \/>Metalimnion ist der verwirrende und zun\u00e4chst nichtssagende Titel einer aus \u00fcber 20 Arbeiten bestehenden Serie und sechs davon hat die K\u00fcnstlerin hier her mitgebracht und auf dem Fu\u00dfboden aufgereiht und ausgebreitet.<br \/>Metalimnion umschreibt eine Art thermische Sprungschicht\u2026\u2026., die mittlere Schicht eines stehenden Gew\u00e4ssers welche die obere, w\u00e4rmere Schicht von der tieferliegenden k\u00e4lteren Wasserschicht trennt, so die erkl\u00e4rende Betrachtung des Begriffes auf Wikipedia.<br \/>Und tats\u00e4chlich glauben wir uns auf Anhieb in einer Unterwasserwelt, die gr\u00fcnlich t\u00fcrkisfarbene Fl\u00e4chen erscheinen wie Unterwasseraufnahmen oder Tiefenschnitte ins ewige Eis. Wir glauben Algen, kleine Wassertierchen, Am\u00f6ben und kleine Fischlein zu erkennen, w\u00e4hnen uns zweifelsfrei unter Wasser.<br \/>Und bei so manchem Ausschnitt meine ich ein in Kunstharz gegossenes Urtier, ein gefl\u00fcgeltes Insekt, ein urzeitliches Fossil, langsam zeitlos treibend im gr\u00fcnlich t\u00fcrkisenen Farbraum zu erkennen.<br \/>Was wir allerdings in Wirklichkeit sehen ist ern\u00fcchternd und faszinierend zugleich, was wir sehen sind keine Pantoffeltierchen, sind keine Fossilien und<br \/>sind \u00fcberhaupt keine Lebewesen, sondern sind schlicht und einfach Verschmutzungen, Bremspuren, Klebereste und vieles mehr, auf einer gr\u00fcnlich durchsichtigen Glasscheibe. Es handelt sich um die Glasscheiben der Oberlichter des Kunstmuseums am Kleinen Schlossplatz in Stuttgart.<br \/>Das kann man nicht erahnen, \u00fcber den Titel leitet uns die K\u00fcnstlerin auf einen Irrweg, wobei niemand, ohne nachzulesen wei\u00df, was Metalimnion hei\u00dft. Dennoch sie f\u00fchrt uns sozusagen auf Eis.<br \/>Ist dies Wichtig?<br \/>Nein und Ja, vielleicht ist es ein Spa\u00df, den sie sich macht, indem sie uns Bremsspuren und Kaugummireste als Urtierchen verkauft, oder aber sie stellt damit ihre Kunst in Frage und vor allem unsere Betrachtungsweise. Ich muss nicht wissen, dass es sich hier um Klebereste handelt um mich in diesem Bild verlieren zu k\u00f6nnen, um in diesen endlosgr\u00fcnen Raum tief einzutauchen.<br \/>Kunst konfrontiert uns durch das gesehen werden, durch das Schauen auf Kunst und auf Die Welt. Durchs Gehen, Fahren und Reisen bewege ich mich durch die Welt und durchs Schauen auf Kunst bewege ich mich durchs Bild, oder auf der Skulptur und bleibe doch stets bei mir. Was ich allerdings selbst im Gep\u00e4ck habe, ist mitentscheidend beim Betrachten von Kunst und beim Entdecken der Welt. Also ist meine Frage Was ist da?<br \/>Meine Damen und Herren, Was ist da ? , dies ist die Frage die ich mir stelle wenn ich in eine Ausstellung gehe . Und mit dieser Frage versuche ich mir nichts zu verbauen, sondern im Gegenteil ich versuche mich zu \u00f6ffnen, mich zu \u00f6ffnen und mich eventuell auf ungewohntes einzulassen. NICHT IMMER GELINGT MIR DIES.<br \/>Denn so wie der K\u00fcnstler vor Beginn der Arbeit vieles im Gep\u00e4ck hat, genau so habe ich als Betrachter vieles, als \u201eKopfgep\u00e4ck\u201e mit dabei, mal bin gut und mal bin ich schlecht gelaunt , oder gereizt und gleich ist mir alles zu viel und es reicht schon eine unangenehme Farbe um mich in Rage zu bringen,\u00a0ein andermal bin ich voller Humor und schmunzle \u00fcber vieles, was sehe.<br \/>So habe ich beispielsweise bei der Arbeit DESOBEISSANCE die im Hof drau\u00dfen an der Mauer lehnt sofort einen direkten Bezug zur Erschie\u00dfung der Aufst\u00e4ndischen von Francisco Goya, gerade an dieser Mauer, die so br\u00fcchig und abgeschabt daherkommt, gerade da erscheint mir dieser Schriftzug des \u00b4ungehorsamen\u00b4 wie eine zeitgen\u00f6ssische Antwort auf das 1814 entstandene Bild des gro\u00dfen spanischen K\u00fcnstlers den ich sehr verehre. Und Ungehorsam, also DESOBEISSANCE ist in Zeiten wie diesen geradezu eine B\u00fcrgerpflicht!<br \/>Mein kleiner Rundgang durch die Ausstellung endet im Keller des Hauses, dort zeigt uns die K\u00fcnstlerin zwei Videos: Zum einen sehen wir das blaue Wasser<br \/>eines Swimmingpools, indem sich das Licht des Himmels in endlosen Wellenbewegungen bricht und wieder schauen wir in den Himmel obwohl wir den Kopf nach unten richten.<br \/>Und zum anderen sehen wir dem Himmel \u00fcber Degerloch nun hier in die zugemauerte Fensternische dieses Kellerraumes projiziert. Wenn man genau hinh\u00f6rt, vernimmt man ein paar Kinderstimmen und ab und an fliegt ein Vogel durchs Bild. Mit diesen beiden Blicken in den Himmel schlie\u00dft sich der Kreis dieser Ausstellung \u201eregarde\u201c und mit unserem imagin\u00e4ren Blick in die Pf\u00fctze.<br \/>Durch die informelle Vorgehensweise der K\u00fcnstlerin entstehen tiefgr\u00fcndige Bilder. Der sensible fotografische Pigmentdruck auf dem gl\u00e4nzenden Metall ist sehr differenziert gew\u00e4hlt und reicht von feinen Lasuren bis hin zu fast pastoser Schwere.<br \/>Die gegenstandslos angelegten Bildausschnitte k\u00f6nnen im Betrachter eine Sehnsucht nach den R\u00e4tseln der Natur, vielleicht auch nach deren Kraft, dem Spiel der Elemente oder einer ambivalenten Undurchdringbarkeit hervorrufen. Immerfort gilt es Neues zu entdecken: organische Formen, gek\u00fcrzte Schriftzeichen, Farbflecke und Spuren, die nach den n\u00e4chsten Regen schon wieder verschwunden sein k\u00f6nnen.<br \/>Wir alle wollen Spuren hinterlassen und tun dies unabl\u00e4ssig zum Teil verbunden einer gro\u00dfen Sehnsucht nach Echtheit.<br \/>Diese Sehnsucht nach dem eigentlich Unm\u00f6glichen, nach dem, was vielen in ihrem allt\u00e4glichen Leben fehlt \u2013 die Leidenschaft \u2013 die Entschlossenheit den Lauf der Dinge zu beeinflussen \u2013 der Wunsch, eine andere zu sein, sich zu verwandeln und sich aufzumachen nach dem Land der Wunder und \u00dcberraschungen, all das und noch vieles mehr ist durchaus im Leben von Klaudia Dietewich zu finden, doch war und ist sie im Team mit ihrem Partner Raimund imstande diese Sehnsucht in eine ungeheure Kraft umzuwandeln und genau diese Kraft finden wir auch in ihrer Kunst. Die mich immer wieder aufs Neue herausfordert, \u00fcberrascht und beeindruckt.<br \/>Herzlichen Dank<\/p>\n<p>Helm Zirkelbach<\/p>\n<p>[\/et_pb_text][et_pb_divider _builder_version=&#8220;4.19.4&#8243; _module_preset=&#8220;default&#8220; global_colors_info=&#8220;{}&#8220;][\/et_pb_divider][et_pb_text _builder_version=&#8220;4.19.5&#8243; _module_preset=&#8220;default&#8220; global_colors_info=&#8220;{}&#8220;]<\/p>\n<h1 style=\"font-weight: 400;\">Spurenlese \u2013 \u00dcber die Bedeutung der Spurensuche<\/h1>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>So wie der Lyriker aus der Banalit\u00e4t der Alltagssprache \u2013 durch sorgf\u00e4ltige Wortwahl und dank seines Gesp\u00fcrs f\u00fcr Rhythmus und Reim \u2013 Essentielles zu benennen wei\u00df und im Gedicht zwischen den Zeilen einen Echoraum f\u00fcr Lebensfragen schafft, so zieht die K\u00fcnstlerin Klaudia Dietewich aus dem Unpr\u00e4tenti\u00f6sen und Nebens\u00e4chlichen der vom Menschen gestalteten Lebensr\u00e4ume ihre dichten und assoziationsweckenden Wirklichkeitsausschnitte. Ihr gesch\u00e4rfter Blick l\u00e4sst sie auf Stra\u00dfenbel\u00e4gen und an Hausmauern Gebrauchsspuren und Relikte fr\u00fcherer Nutzungen und Markierungen entdecken, die in der Isolation ihrer lakonischen Fotografien die Qualit\u00e4t gekonnt komponierter abstrakter Kunst erhalten und \u2013 \u00fcber sich hinausweisend \u2013 Grunds\u00e4tzliches ins Bild setzen. Aus einem Ausschnitt \u00fcberlagerter Verkehrsleitlinien auf Asphalt entsteht beispielsweise der Nachklang suprematistischer Konzepte; das geometrische Gef\u00fcge darf also \u00fcber die ausgewogene reingeometrische Komposition auch als Anlehnung an die avantgardistische Suche nach energetisch-geistiger Absolutheit im Bildkonzentrat zu Beginn des 20. Jahrhunderts gelesen werden. Des Weiteren finden sich auf Klaudia Dietewichs fotografischen Aufnahmen Teerflickstellen festgehalten, deren Graphik den gestischen Linien in der Kunst des Informel verwandt ist. Kratzspuren auf Fassaden zeigen die Anmutung von atmosph\u00e4rischen Landschaften, Farbschlieren erinnern an Satellitenbilder der Erdoberfl\u00e4che, Putzrisse lassen Flussl\u00e4ufe und Deltas erahnen.<\/p>\n<p>Die Sch\u00f6nheit dieser allgegenw\u00e4rtigen Nichtigkeiten liegt im Auge des Betrachters, der \u2013 falls hierf\u00fcr im realen Kontext unempf\u00e4nglich \u2013 vermittels der versierten Motivauswahl und der subtilen gestalterischen Umsetzung durch die K\u00fcnstlerin einen inspirierenden Zugang zu den Spuren in seiner unmittelbaren Umgebung erhalten kann. Fehl- und Flickstellen sind nicht mehr als M\u00e4ngel zu werten, sondern als Bereicherung des allt\u00e4glich Oberfl\u00e4chlichen. Den Mensch gemachten Spuren nachzugehen lohnt, denn in ihnen sind sowohl der Wille zur N\u00fctzlichkeit manifestiert als auch der kreat\u00fcrliche Zufall. Sie sind Zeugen der kulturellen Auspr\u00e4gung einer Gesellschaft, so der Vergleich von Spuren aus verschiedenen St\u00e4dten, L\u00e4ndern, Kontinenten erhellende Aufschl\u00fcsse \u00fcber jeweilige \u00e4sthetische Eigenheiten und Vorlieben erlaubt. Die oftmals absichtslos vorgenommen Flickarbeiten im \u00f6ffentlichen Raum und die durch mechanische Einfl\u00fcsse zuf\u00e4llig entstandenen Spuren vormaliger Nutzung sind wortlose Zeugen eines generellen Gestaltungswillens.<\/p>\n<p>Zum Kunstwerk werden diese Ph\u00e4nomene im \u00f6ffentlichen Raum erst durch Entdeckung, gestalterische Fokussierung und kluge wie vielschichtige Mise en Sc\u00e8ne. Die k\u00fcnstlerische \u00dcbersetzung des allt\u00e4glich Nebens\u00e4chlichen in eine Bildsprache des \u00fcbergeordnet Relevanten kommt einer Nobilitierung der Normalit\u00e4t gleich. Nach Inaugenscheinnahme der Inszenierungen von Klaudia Dietewichs Wirklichkeitsextrakten wird f\u00fcr die Betrachter ihrer Kunst der nachmalige Gang durch die vertrauten Alltagsgefilde von einer neuen Aufmerksamkeit bestimmt. Versiert und mit gesch\u00e4rftem Blick begeben wir uns selbst auf Spurensuche im Gewohnten und erhalten so eine nie gekannte Bindung zum bisher unbeachtet Beil\u00e4ufigen. Die entdeckten und angeeigneten Spuren werden zu Vertrautem und schlie\u00dflich haben sie Teil am diffusen Gef\u00fchl von Heimat. Sie werden zu Parametern der Verortung am Ort der t\u00e4glichen Verrichtungen und somit Teil der individuell unspektakul\u00e4ren Lebensgestaltung.<\/p>\n<p>Aus kunsthistorischer Sicht kn\u00fcpft Klaudia Dietewichs Spurensuche und Transformation an avantgardistische Errungenschaften der fr\u00fchen Moderne und der Nachkriegsavantgarde. Damals hatten verschiedene innovative K\u00fcnstlerpers\u00f6nlichkeiten den akademischen Kunstbegriff gesprengt und die geforderten neuen Bildwirklichkeiten unter Einbezug von kunstfernen Materialien sowie mittels unorthodoxer Verfahrensweisen hervorgebracht. So integrierten K\u00fcnstler wie Pablo Picasso, Georges Braque, Juan Gris in Paris noch vor dem 1. Weltkrieg und die K\u00fcnstler des Z\u00fcrcher DADA wie auch Hannah H\u00f6ch, Kurt Schwitters u.a. seit 1916 Alltagsschnipsel in ihre Collagen und \u00d6lgem\u00e4lde. In der Zwischenkriegszeit machte Max Ernst f\u00fcr sich die Technik der Frottage fruchtbar und schuf ein Konvolut von faszinierenden Abrieben allt\u00e4glicher Objekte und unscheinbarer Oberfl\u00e4chen, die er mit gekonnten zeichnerischen Erg\u00e4nzungen zu surrealen Phantasmen zu steigern wusste. Richard Hamilton setzte als Vorreiter der Pop Art seit Mitte der 1950er Jahre in seinen collagierten Zeitzeugen auf die \u00abMacht der gefilterten Bilder\u00bb aus der Konsumwelt, und in den 1960er Jahren praktizierte die Pariser Avantgardek\u00fcnstler des Nouveau R\u00e9alisme in ihren Werken einen unmittelbaren und provokanten Einsatz von Fundst\u00fccken und Spuren. Namentlich Jean Tinguely mit seinen M\u00e9tamatics, Jacques Villegl\u00e9 mit seinen D\u00e9collage und D\u00e9chirages, Arman und Daniel Spoerri mit ihren Accumulation und Assemblages stellten den Akt des klassisch-eigenh\u00e4ndigen k\u00fcnstlerischen Gestaltens subversiv zur Debatte und sorgten mit ihren ber\u00fcchtigten Aktionen f\u00fcr Aufsehen. Au\u00dferdem setzt sich insbesondere die Landart mit dem Faszinosum Spuren auseinander, sei es dass Ph\u00e4nomene in der Natur durch den k\u00fcnstlerischen Eingriff konzentriert werden (Andy Goldsworthy), oder sei es dass sich K\u00fcnstler darauf verlegen, selbst Spuren vor Ort zu kreieren (Michael Heizer, Richard Long, Robert Smithson) beziehungsweise ihre tempor\u00e4re Anwesenheit in konkret materiellen, akustischen oder verbal-imagin\u00e4ren Spurzeugnissen zu dokumentieren (Lothar Baumgarten, Hamish Fulton), um sp\u00e4ter diese k\u00fcnstlerischen Extrakte als Exponate einem breiten Publikum zug\u00e4nglich zu machen. In diesen Kanon der avantgardistischen Spurenleser und Spurentransformer gliedert sich Klaudia Dietewich mit ihrem Schaffen ein und setzt innerhalb dieser variantenreichen k\u00fcnstlerischen Spurenaneignungen und -verwertungen neue gestalterische Akzente.<\/p>\n<p>Dr. Gabrielle Obrist, Z\u00fcrich, <span>2016<\/span><\/p>\n<p>[\/et_pb_text][et_pb_divider _builder_version=&#8220;4.19.4&#8243; _module_preset=&#8220;default&#8220; global_colors_info=&#8220;{}&#8220;][\/et_pb_divider][et_pb_text _builder_version=&#8220;4.19.5&#8243; _module_preset=&#8220;default&#8220; global_colors_info=&#8220;{}&#8220;]<\/p>\n<h2>Statt Ansichten &#8211; Ausstellungsreihe STADT\/LAND\/SCHAFT<\/h2>\n<h4>Galerie im Kornhaus, Kunstverein Schw\u00e4bisch Gm\u00fcnd e. V. \u2013 7. Nov 2014<\/h4>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Begleitend zur Landesgartenschau 2014 der Stadt Schw\u00e4bisch Gm\u00fcnd setzte sich der Gm\u00fcnder Kunstverein in einer Ausstellungsreihe mit den Begriffen Stadt und Garten auseinander. Wir gingen davon aus, dass ein Garten ist ein abgegrenztes St\u00fcck Land ist, privat genutzt zum Anbau von Ertr\u00e4gen oder auch f\u00fcr k\u00fcnstlerische, spirituelle oder therapeutische Zwecke. Ein Garten entspricht nicht der Natur. Er ist immer k\u00fcnstlich angelegt, kontrolliert; er ist gez\u00e4hmte, geformte und kultivierte Natur. Er verdichtet auf begrenztem Raum Pflanzen und Landschaftsformen, ist also gestaltetes Abbild.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Auch St\u00e4dte, so haben wir uns gedacht, sind fest umgrenzte Siedlungen, verdichtete Kulturr\u00e4ume, in denen Menschen in bestimmten sozialen und r\u00e4umlichen Organisationen leben. Die Stadtlandschaft (urbanscape) gleicht in ihren geplanten, h\u00e4ufig jedoch auch unkontrolliert wachsenden und sich \u00fcberlagernden R\u00e4umen und Beziehungsgeflechten in Verbindung mit kontrollierten st\u00e4dtebaulichen und administrativen Organisationsstrukturen dem Konzept des Gartens.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wir haben also in der Ausstellungsreihe STADT\/LAND\/SCHAFT unter Einbeziehung vielf\u00e4ltiger nat\u00fcrlicher, kultureller und sozialer Aspekte den Strukturen von landscape und urbanscape nachgesp\u00fcrt. Den Katalog mit allen beteiligten K\u00fcnstlerinnen und K\u00fcnstlern sowie Texten und Reflexionen zum Thema kann ich Ihnen w\u00e4rmstens empfehlen. Noch gibt es Exemplare f\u00fcr 10 \u20ac zu kaufen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Die Gartenschau ist zu Ende, wir haben einen letzten spannenden Beitrag zu bieten: Klaudia Dietewichs STATT ANSICHTEN.<br \/>Alle Natur, alle Bez\u00fcge zur Pflanzenwelt, zum Wachstum, wie sie noch in der vorhergehenden Ausstellung von Hannelore Weitbrecht anklangen, sind nun g\u00e4nzlich herausgenommen. Viel grau, metallisch gl\u00e4nzend sehen wir vor uns. Platten in quadratischen oder rechteckigen Formaten scheinen ein wenig vor der Wand zu schweben, changieren zwischen Bild- und Objektcharakter, sind in Gruppen geordnet. In einer Bodenarbeit befinden sich gleichf\u00f6rmige Bl\u00f6cke in einer strengen, linearen Reihe. An der Wand h\u00e4ngen kaum auf ihre urspr\u00fcngliche Bedeutung und Herkunft zur\u00fcckzuf\u00fchrende Gegenst\u00e4nde, Fundst\u00fccke. Und auf einem Monitor laufen Szenen aus den U-Bahnh\u00f6fen der Weltmetropolen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Die hier ausgestellten Arbeiten bieten in ihrer reduzierten Farbpalette und ihrer geometrischen Strenge der Anordnung und Gruppierung der Formate einen bereits sehr vordergr\u00fcndig ansprechenden Reiz in dem zuweilen doch dominanten mittelalterlichen Raum mit seinen schweren, dunkelbraunen Eichenpfeilern und den vielen Sprossenfenstern. So angezogen von dem gesamten Ensemble versuchen wir als Betrachter dann als n\u00e4chstes, herauszufinden, was wir hier eigentlich sehen. Es fiel mir schwer, meine diesbez\u00fcglichen Gedanken in eine stringente Ordnung zu pressen. Ich m\u00f6chte Sie daher teilhaben lassen an meinen \u00dcberlegungen und Assoziationen zu einzelnen Stichworten, die meiner Meinung nach mit dieser Ausstellung in Zusammenhang stehen:<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Spur<br \/>Woher wissen wir, dass es hier in unsere Gegend mal ein Meer mit schneckenf\u00f6rmigen Lebewesen, den Ammoniten gab? Von den meisten Ammoniten, die wir als Fossilien in den Schieferplatten, beispielsweise aus Holzmaden, finden, ist nichts mehr \u00fcbrig, die Teile des K\u00f6rpers und der Schale wurden vollst\u00e4ndig zusammengepresst. Dies geschah jedoch in weichem Schlamm, der erst sp\u00e4ter zu Stein verh\u00e4rtete. Was wir von dem Tier hier also noch sehen, ist nicht sein K\u00f6rper, sondern der Abdruck, die Spur, die dieser K\u00f6rper im Schlamm hinterlassen hat. <span>\u00a0<\/span>Der Begriff Spur bezeichnet urspr\u00fcnglich nur den Fu\u00dfabdruck. Wenn Sie ebenso eifrig den Sonntagskrimi im Fernsehen schauen, wie ich das tue, denken sie aber bei Spur sofort an alle Hinterlassenschaften, welche die Anwesenheit von Personen und m\u00f6glicherweise auch den Tathergang verraten.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Klaudia Dietewich sammelt Spuren. Nicht mit kriminalistischem Sp\u00fcrsinn, sondern als k\u00fcnstlerische Methode. Was Sie hier an den W\u00e4nden und am Boden sehen, waren zun\u00e4chst fotografische Detailaufnahmen von unscheinbaren, vielleicht auch heruntergekommenen Orten. Fahrbahnmarkierungen, \u00d6lflecken, Ausbesserungen im Stra\u00dfenbelag, Schmutz. Wenn jemand in letzter Zeit am Gm\u00fcnder Busbahnhof ankam, fiel sein Blick sicherlich in den seltensten F\u00e4llen auf gelbe Markierungen im Asphalt. Mir jedenfalls ist diese Markierung im Trubel der Gartenschau bzw. deren Vorbereitung im letzten Jahr nicht aufgefallen. Die Arbeit, die auch auf der Einladungskarte zu sehen ist, entstand im Oktober 2013. Klaudia Dietewich scheint in einer Stadt Motiven nachzusp\u00fcren, an denen die meisten Menschen achtlos vor\u00fcber gehen, die sie m\u00f6glicherweise sogar als h\u00e4ssliche Flecken ablehnen. Sie zeigt uns damit in dieser Ausstellung STATT ANSICHTEN, so der Titel der Ausstellung.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Ansicht\u00a0lautet also das n\u00e4chste Stichwort.<br \/>Eine Ansicht ist zun\u00e4chst einmal eine Illustration, Abbildung, Darstellung. Also eigentlich ein Bild. Bereits hier schleicht sich dann eine Uneindeutigkeit ein, der wir in den Arbeiten von Klaudia Dietewich weiter begegnen werden. Eine Uneindeutigkeit, die letztlich auch zwingend notwendig ist. \u201eWenn ein Werk ein-eindeutig ist, ist es kein Werk der Kunst\u201c, so die These von meinem ehemaligen Lehrer Professor Paul* K\u00e4stner in Heidelberg.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Nat\u00fcrlich kennen wir Ansicht auch in der Bedeutung von Aspekt oder Meinung. Aus dem konkreten Standpunkt eines Betrachters bei einem visuellen Erlebnis wurde dann eine Position im abstrakten, kognitiven, psychologischen Sinn. Und Ansicht ist auch Anschauung, sowohl im Sinne von Auffassung, Wahrnehmung, als auch im Sinne einer Annahme. Die unmittelbare Erkenntnis sinnlicher Gegenst\u00e4nde l\u00e4sst sich auch als innere Anschauung, als unmittelbare Erfassung seelischer Zust\u00e4nde und Prozesse verstehen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Klaudia Dietewich, so k\u00f6nnen wir also vermuten, nimmt visuelle Ph\u00e4nomene zum Anlass, Position, einen Standpunkt zu beziehen und ihre Sicht der Welt mitzuteilen. Hier sind wir dann auch bei Statt mit Doppel-Te im Titel der Ausstellung. Nicht allein die Stadt, die urbane Landschaft die stets hier Motiv ist, steht im Vordergrund. Hinter diesem Wortspiel steckt auch der Wunsch nach einer anderen Ansicht, einem Perspektivwechsel, einem Blickwinkel, der die gewohnten Wege verl\u00e4sst.<br \/>Womit wir beim n\u00e4chsten Stichwort w\u00e4ren:<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Weg<br \/>Spur hat ja auch die Bedeutung der Fahrspur. Selbst hier wieder mit starkem, regionalem Bezug: in kaum einer anderen Stadt der Umgebung l\u00e4sst sich derzeit deutlicher darstellen, was passiert, wenn der Verkehr gezwungen wird, sich st\u00e4ndig neue Spuren zu suchen. Der Verkehrsfluss stockt, der Weg wird zur Tortur. Und in dieser Umorientierung und der Verlangsamung nehmen wir m\u00f6glicherweise auch wieder den Weg in seiner Eigenheit wahr. Weg kommt von bewegen, meint einen Streifen in der Landschaft, auf dem man sich von einem Ort zu einem anderen bewegt. Zum Stichwort Weg k\u00f6nnten wir hier also auch die Stichworte Bewegung und\u00a0Reise\u00a0anf\u00fchren.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Die Bodenarbeit in dieser Ausstellung markiert einen solchen Weg. Was hier reduziert und in lineare Ordnung gebracht an die Geschwindigkeit einer Start- oder Landebahn gemahnt, ist in Wirklichkeit Ergebnis eines monatelangen Unterwegsseins. Mit dem Fahrrad umrundete Klaudia Dietewich halb Europa, von England \u00fcber Skandinavien zum Schwarzen Meer. Die Langsamkeit dieser Fortbewegung erm\u00f6glicht erst den Blick f\u00fcr die unscheinbaren Details, die hier als Repr\u00e4sentanten all dieser Orte, Stra\u00dfen und St\u00e4dte dienen. Spuren aus vielen Orten markieren eine lange Reise. Bewegung ist auch ein Thema der Videoarbeit, die Sie hier sehen. Bewegung, in der Bewegung auch Begegnung und zuweilen Ans\u00e4tze von Kommunikation. Alles gefilmt aus einem distanzierten, fast voyeuristischen <span>\u00a0<\/span>Blickwinkel, einer Spionage- oder \u00dcberwachungskamera gleich, die zu einem Blickwechsel, einer \u00c4nderung der aus der Film\u00e4sthetik oder aus dem bewusst gerichteten Blick gewohnten Ansicht \u2028geradezu zwingt.<br \/>Sind Klaudia Dietewichs Arbeiten in ihrer r\u00e4tselhaften Verk\u00fcrzung also Zeichen?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Zeichen<br \/>Ein Zeichen steht immer f\u00fcr etwas anderes. Ist etwas sicht- oder h\u00f6rbares, das als Hinweis gedacht ist, der Kenntlichmachung dient, mit einer Bedeutung verkn\u00fcpft ist.<br \/>Wir k\u00f6nnen diese Ausstellung jedoch auch f\u00fcr uns erschlie\u00dfen, wenn wir von all diesen Verweisen und Bez\u00fcgen nichts wissen. Alle diese Arbeiten wirken immer auch, und das habe ich eingangs schon hervorgehoben, allein durch ihren \u00e4sthetischen Reiz.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Damit sind wir beim letzten Stichwort angelangt:<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Komposition<br \/>Ungeachtet der technischen Ausf\u00fchrung, den Fotografien, die mittels Pigmentdruck auf Aluplatten \u00fcbertragen wurden, wodurch dieser spezifische metallische Glanz entsteht, besteht die eigentliche k\u00fcnstlerische Arbeit von Klaudia Dietewich neben der konzeptuellen Entwicklung, die in den Motiven und ihrer Pr\u00e4sentation steckt, in der Auswahl von Bildausschnitten und deren Anordnung. Hier unterscheiden sich die Objekte an Wand und Boden in ihren Kompositionsprinzipien letztlich nicht von der Malerei. Die Gewichtung der einzelnen Bildelemente, die Dynamik oder Statik der Richtungen in den Bildobjekten, der Einsatz der Farben, die gerade in ihrer Reduktion noch an Bedeutung gewinnen \u2013 so sehr, dass ein grade mal 30 cm gro\u00dfes gelbes Fundst\u00fcck w\u00e4hrend dem Aufbau der Ausstellung an allen m\u00f6glichen Stellen ausprobiert wurde, um dann schlie\u00dflich wegen seiner zu dominanten Wirkung wieder abgeh\u00e4ngt zu werden \u2013 diese formalen Gestaltungselemente bilden das eigentliche Ger\u00fcst, auf dem die Inhalte, denen ich in meinen Ausf\u00fchrungen ein wenig assoziativ nachgegangen bin, sicher getragen werden.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Klaus Ripper<\/p>\n<p>[\/et_pb_text][et_pb_divider _builder_version=&#8220;4.19.4&#8243; _module_preset=&#8220;default&#8220; global_colors_info=&#8220;{}&#8220;][\/et_pb_divider][et_pb_text _builder_version=&#8220;4.19.5&#8243; _module_preset=&#8220;default&#8220; global_colors_info=&#8220;{}&#8220;]<\/p>\n<h1 style=\"font-weight: 400;\">Augenalphabete, oder:<\/h1>\n<h1 style=\"font-weight: 400;\">Vom Finden des Unbeachteten<\/h1>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Embleme, Logos, Piktogramme flankieren massenhaft die urbane Alltagswirklichkeit. In ihrer Eigenschaft als sinnverk\u00fcrzte, allgemein verst\u00e4ndliche Symbole versuchen sie den \u2013 meist automobil gesteuerten \u2013 Passanten auf schnellstem Wege zu seinem Ziel zu bringen. Scheinbar verl\u00e4sslich f\u00fchrt uns damit der vorprogrammierte Routenplaner und andere Navigatoren den Orten unserer Bestimmung zu, verst\u00fcnden wir vor lauter Schilderwald die Zeichen auch nicht mehr. Selbstoptimiert und tunlichst hoch erhobenen Hauptes pflegen wir so pfeilschnell durch immer weiter durchrationalisierte Welten zu gleiten, die uns zur\u00fcckgelegte Wege, Zeit und Endlichkeit vergessen machen m\u00f6chten:\u00a0Alles gl\u00e4nzt, so sch\u00f6n neu.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Einen anderen Weg hat dagegen Klaudia Dietewich eingeschlagen. Sie heftet bewusst den Blick auf den Boden und registriert auf ihren gro\u00dfr\u00e4umig angelegten Kartierungen in dokumentarischer Exaktheit dabei die Materialbeschaffenheiten der realen Benutzeroberfl\u00e4che Stra\u00dfe und Fassade, Asphalt und Beton, Glasbaustein und anderer Stoffe, \u00fcber die oder entlang derselben sie sich zu Fu\u00df oder mit dem Fahrrad bewegt. Wenn im Allgemeinen die beschrittenen und befahrenen Untergr\u00fcnde nicht oder h\u00f6chstens mittelbar \u2013 als neu oder aber mit Schlagl\u00f6chern versehen den Transportkomfort beeintr\u00e4chtigend, in hellem Grau oder teerschwarz erscheinend \u2013 wahrgenommen werden, da sie Mittel zum Zweck (der Fortbewegung) darstellen, unterzieht Klaudia Dietewich sie in ihren Foto-Arbeiten sehr viel intensiveren Studien.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Mit jeder Innutzungnahme n\u00e4mlich neu angelegter Wegebel\u00e4ge und \u00f6ffentlicher Fl\u00e4chen durch den Menschen setzt zwangsl\u00e4ufig auch deren Vernutzung und vermeintliche Beeintr\u00e4chtigung ein. Den zuvorderst makellosen Oberfl\u00e4chen werden im Laufe der Zeit bekanntlich Bezeichnungsspuren zugef\u00fcgt, die \u2013 einer Arch\u00e4ologie des Alltags gleich \u2013 Aufschluss \u00fcber deren zeitgen\u00f6ssische Nutzer und Lebenswelt vermitteln. Abseits aber blo\u00df zivilisationskritischer Untersuchungen richtet Klaudia Dietewich ihr Augenmerk auf die eigensinnlichen Qualit\u00e4ten des in der Regel leicht \u00dcbersehenen und Unbeachteten und \u00fcbertr\u00e4gt diese in komplexe Bildsysteme.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Mitnichten ist da Stra\u00dfe gleich Stra\u00dfe, Asphalt gleich Asphalt, Landebahn gleich Landebahn. H\u00e4ufig Schicht \u00fcber Schicht angelagert, Fehlstellen ausgebessert und erg\u00e4nzt, stehen k\u00f6rnig por\u00f6se Oberfl\u00e4chen reflektierenden Gl\u00e4tten gegen\u00fcber, Fahrbahnmarkierungen und versehentlich Versch\u00fcttetes, Verlorenes, Verblichenes ergeben unterschiedlichste Tonwerte und eine \u2013 allem Unaussprechlichen gleich \u2013bet\u00f6rend sch\u00f6ne Kalligrafie des Behelfsm\u00e4\u00dfigen. Erst einmal aufmerksam in die von der K\u00fcnstlerin entwickelten Serien von Foto-Arbeiten eingesehen, kl\u00e4ren sich die zugeh\u00f6rigen Topografien des Untergrundes schnell. Vor allem aber offenbaren die h\u00e4ufig in extremer Nahsicht gezeigten Ausschnitte auf beeindruckende Weise, dass wir \u2013 so wir sie denn auch zu beachten und betrachten gewillt sind \u2013 jeden Tag auf Schritt und Tritt offenbar mit Bezeichnungsspuren und damit sowohl mit allgegenw\u00e4rtigen Zeichnungen \u00fcberhaupt als auch mit einem st\u00e4ndig fortlaufenden Text insgesamt befasst sind, der unter uns ausgebreitet zu lesen ist und den uns jene Arbeiten augenf\u00e4llig ins Bewusstsein r\u00fccken.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Diese Lineamente des Zuf\u00e4lligen speisen mit ihrer Varianz und ihrem Formenreichtum\u00a0 die Imagination auf ungeahnte Weise. Schlieren, Tropfengebilde, marmorierende Lavuren, Risse, Kratzer, Abplatzungen, gleichm\u00e4\u00dfige Maschenstrukturen oder ungeb\u00e4rde gestische Krakel und Abdr\u00fccke erreichen ihre darin h\u00f6chst malerische Ausdrucksf\u00e4higkeit allerdings erst, indem Klaudia Dietewich sie im Fokus ihrer Beobachtungsgabe \u2013 naturwissenschaftlich biologischen Pr\u00e4paraten \u00e4hnlich \u2013 isoliert hat. Nicht nur erhebt sie auf diese Weise leichthin zu \u00dcbersehendes und Nebens\u00e4chliches als bildw\u00fcrdig und entledigt sich damit kurzerhand der Funktionalisierung von Werkstoffen und Oberfl\u00e4chen. In der vollst\u00e4ndigen Konzentration auf die reine Form, die Faktur der Linie, die Strahlkraft der Farbe l\u00f6st sie vielmehr das gefundene Gesehene aus seiner Ursprungsgeschichte \u2013 und damit aus jedwedem Anekdotenhaften einer je abgeschlossenen individuellen Dingebiografie \u2013 heraus.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Mag man hier auch eine gewisse geschichtliche Kontaminierung des \u00f6ffentlichen Raumes zugestehen \u2013 schlie\u00dflich wurden die Stra\u00dfen bis dahin ungez\u00e4hlte Male befahren, die Wege immer und immer wieder neu begangen \u2013, angesichts all der unbekannten Passanten und Akteure auf der B\u00fchne des beil\u00e4ufigen Vor\u00fcbergehens m\u00fcssen ihre Orte jedoch als historisch g\u00e4nzlich unbedeutsam gelten. Einem zweckgebundenen Kontext vorbehaltlos entnommen spielt es nun schlie\u00dflich keine Rolle mehr, ob die magistralen Flecken, Fl\u00e4chen oder Schraffen auf die Ausbesserungsarbeiten einer Baukolonne zur\u00fcckgehen, vielleicht Relikte von Bremsspuren oder gar eines einmal angefahrenen Wildtieres darstellen, Anzeichen gesellschaftlich ge\u00e4chteter Umweltzerst\u00f6rung und eines unn\u00fctzen Landschaftsverbrauchs sind. In den Bildwerken von Klaudia Dietewich haben sie sich demgegen\u00fcber zu selbstsinnigen Bestandteilen mehr oder weniger ungegenst\u00e4ndlicher Kompositionen verwandelt, die uns unter Aufbietung mannigfacher Assoziationspotentiale unwiderstehlich in ihren Bann ziehen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Im Hinblick aber auf die Teilhabe der vielen Unbekannten, Fahrzeuge, Maschinen, Pneus und Gummisohlen, von Begebenheiten, Vor- und Unf\u00e4llen, die sich auf den aus dem Zusammenhang gerissenen Arealen und Bauk\u00f6rpern zugetragen und die \u00fcber die Zeitl\u00e4ufte hinweg letztlich erst Augenfunde erm\u00f6glicht haben, k\u00f6nnten im Sinne eines erweiterten Kunstbegriffes beinahe Parallelen zur (wenngleich zweidimensionalen) sozialen Plastik gezogen, mindestens jedoch von einer quasi partizipatorischen Konzeption daf\u00fcr gesprochen werden. Die Arbeiten von Klaudia Dietewich bestechen aber im Gegenteil gerade dadurch, dass sie den Betrachter \u00fcber die je verschiedenen Anteile des Gemachten und des Zuf\u00e4lligen, von Klima und Verwitterung, von Naturgewalt und Technik im Unklaren l\u00e4sst. Mehr noch wirken die von ihrer Bild(er)finderin ausgel\u00f6sten\u00a0Weg-St\u00fccke\u00a0trotz aller offenbar menschlichen Autorenschaft zugleich wie nicht von Menschenhand gemacht und beanspruchen auf diese Weise zurecht eine ikonische Transzendenz.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Noch selbst die eindeutig von einzelnen Menschen aufgebrachten Markierungen auf Fahrbahnen nehmen in diesen Arbeiten den Charakter \u00fcberzeitlicher, geheimer Codierungen an. Als mit der Zeit allm\u00e4hlich blasser werdende\u00a0Asphalt Tattoos\u00a0f\u00fchren mal Erinnerungsspuren zu teilweise ganz banalen Anweisungen (Messpunkte, Bohrstellen, Ma\u00dfangaben oder Richtungspfeile f\u00fcr den Stra\u00dfenbau) zur\u00fcck, deren Sinn und Zweck allerdings (wenigstens von Laien) nicht mehr zu erschlie\u00dfen ist. Mal sind es andererseits sehr pers\u00f6nliche Parolen \u2013 die Verfasser namlos wie auch deren Adressaten \u2013, die h\u00f6chstens ungef\u00e4hre Ahnung des Gesagten und Gemeinten hinterlassen. Gerade aber in der \u00d6ffentlichkeit verschriftete Botschaften dr\u00fccken in der Regel ja leicht verst\u00e4ndliche, allgemein g\u00fcltige Hinweise aus: Gebote und Verbote, Kennzeichnungen des Bemerkenswerten oder etwa Werbung anderer Art.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Das unbesehen Nebens\u00e4chliche zur Hauptsache erkl\u00e4rt \u2013 als bildw\u00fcrdig gar auserkoren \u2013 erhalten an dieser Stelle jedoch Bruchst\u00fcck, Einzelzeichen, Farbklecks, Lineatur Autonomie. Jenseits der g\u00e4ngigen\u00a0Points of Interests, die auf den ausgetretenen Trampelpfaden der Konvention nur noch zu Altbekanntem f\u00fchren, erscheinen so den aus eigener Kraft und Antrieb erkundeten Wegen und Orten Denkmale \u2013 bei Klaudia Dietewich besser: Seh!Male \u2013 errichtet, die K\u00fcnstlerin und Publikum zu immer neuen Expeditionen anzuhalten wissen. Die Perspektiven verr\u00fcckt, Gangarten und Blickwinkel dem Gel\u00e4ufigen entw\u00f6hnt breiten sich so aus der mikroskopischen Nahsicht heraus exotisch anmutende Bildlandschaften aus, die doch gleichzeitig aus der Formenvielfalt wiederum des Allt\u00e4glichen gespeist erscheinen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Den Perspektivenwechsel \u2013 das Fl\u00e4chige des Erdbodens heraufgesehen, im Kamerablick gedreht und im Print anschlie\u00dfend in weite Horizonte ausgedehnt \u2013 verst\u00e4rkt die ungeheure r\u00e4umliche Tiefe zus\u00e4tzlich, die diesen Arbeiten eigen ist. Erst noch von starken haptisch-sensuellen Reizen angezogen, das Glatte, das Rauhe, Sandiges, metallisch Schimmerndes handgreiflich auch bef\u00fchlen zu wollen, bilden die sorgsam gew\u00e4hlten Bildausschnitte, Blickwinkel und Vergr\u00f6\u00dferungen der simulakren Materialverschichtungen erstaunliche Raumstaffelungen aus. Im vermeintlichen Widerspruch zu den eigentlich vorliegenden und herangezoomten Sujets material verdichteter Wegbel\u00e4ge und verblockter Wandfassaden \u00f6ffnet sich darin eine nachgerade panoramatische angelegte Peinture, die leichth\u00e4ndig an jahrhundertealte Traditionen der Landschaftsmalerei anzukn\u00fcpfen vermag. Aus steinernen Schweben erwachsen so urw\u00fcchsig widerst\u00e4ndige Zeichenvegetationen, die die Stra\u00dfenhimmel und andere nur vorgebliche Unwegbarkeiten (sic!) um uns herum in ein neues Licht einzutauchen verstehen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Clemens Ottnad, <span>Stuttgart, 2016<\/span><\/p>\n<p>[\/et_pb_text][et_pb_divider _builder_version=&#8220;4.19.4&#8243; _module_preset=&#8220;default&#8220; global_colors_info=&#8220;{}&#8220;][\/et_pb_divider][et_pb_text _builder_version=&#8220;4.19.5&#8243; _module_preset=&#8220;default&#8220; global_colors_info=&#8220;{}&#8220;]<\/p>\n<h1 style=\"font-weight: 400;\">Aufsichten<\/h1>\n<h3 style=\"font-weight: 400;\">Architektenkammer Baden-W\u00fcrttemberg\/Stuttgart, 21. September 2010<\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In ihrem Einladungstext zu dieser Ausstellung von Klaudia Dietewich, meine sehr geehrten Damen und Herren, spricht Carmen Mundorff von Urlaubsbildern der etwas anderen Art. Gestatten Sie mir bitte, dass ich einen Augenblick lang bei diesem Thema verweile und Sie frage: Waren Sie in diesem Sommer, in diesen Fr\u00fchherbst weg? Im Sinne von: Ich bin dann mal weg? Waren Sie verreist? Waren Sie in Urlaub?<\/p>\n<p>Mit dem Reisen ist das ja bekanntlich so eine Sache. Mit einigem Fug und Recht kann man wohl sagen, dass der letzte echte franz\u00f6sische Reisende Henri Beyle war, der unter dem Namen Stendhal einige Romane schrieb, die zur Weltliteratur z\u00e4hlen und im Gefolge Napoleon Bonapartes u. a. Oberitalien, nicht zuletzt die Gegend um den Comer See bereiste. Dort, wo Stendhal sich als Abenteurer, Lebemann und Geistesverwandter Goethes auf Spurensuche begab, Land und Leute kennenlernte, die Adligen der Region auf ihren G\u00fctern, in ihren Villen besuchte, mit ihnen lebte, bei ihnen logierte und zusammen mit ihnen rauschende Feste feierte, suchte nur wenige Jahrzehnte sp\u00e4ter Gustave Flaubert lediglich Sehensw\u00fcrdigkeit um Sehensw\u00fcrdigkeit auf, hakte, klapperte sie ab, &#8222;machte&#8220; gewisserma\u00dfen Oberitalien wie wir in unserer Sommervakanz, die keine mehr ist, heutzutage S\u00fcdamerika oder Australien &#8222;machen&#8220;. \u2028Kurzum: An die Stelle des Reisenden ist seit langem der Tourist getreten.<\/p>\n<p>Seit einigen Jahren wissen wir freilich, dass sich der Strand nicht nur am \u00fcberf\u00fcllten Teutonengrill zwischen Rimini und Caorle befindet, sondern auch gerade mal um die Ecke, unterm Pflaster bzw. unterm Asphalt, und so trifft es sich gut, dass uns Klaudia Dietewich mit ihren &#8222;Aufsichten&#8220;, mit ihren Fotografien an die Hand nimmt und uns zu einer Spurensuche, zu einer visuellen Reise der ganz besonderen Art einl\u00e4dt.<\/p>\n<p>Denn Reisen, das beweist die K\u00fcnstlerin mit ihrer Arbeit, kann man, wenn man will, auch heute noch. Man muss nur den guten, alten Leitsatz Goethes \u201eman sieht nur, was man wei\u00df\u201c einmal au\u00dfer acht lassen und einen unvoreingenommenen, frischen Gebrauch von seinen Augen machen, was ja auch, en passant bemerkt, nicht ganz unwichtig f\u00fcr die Beurteilung architektonischer Fragen ist. Denn letztlich gilt in gleicher Weise die Umkehrung:\u2028Man wei\u00df nur, was man sieht bzw. was man gesehen hat.<\/p>\n<p>Aber zur\u00fcck zu Klaudia Dietewich und ihrer Arbeit. Frau Dietewich ist eine passionierte Reisende, nur ist sie nicht als Pauschaltouristin mit Flugzeug, Zug, Schiff, Bus oder Auto unterwegs. Und sie richtet ihren Blick auch nicht auf das Gesicht von St\u00e4dten, Seest\u00fccken, Landschaften oder auf andere sogenannte Sehensw\u00fcrdigkeiten, die man als Tourist oder Touristin zu kennen hat, sondern strikt nach unten auf scheinbar Nebens\u00e4chliches, auf das, was normalerweise buchst\u00e4blich unter die R\u00e4der ger\u00e4t.<\/p>\n<p>Die K\u00fcnstlerin ist eine leidenschaftliche Radfahrerin, die sich bewusst und mit Begeisterung immer wieder Wind und Wetter, Sonne und Regen aussetzt und die mit ihrem Fahrrad schon halb Europa, von Portugal bis nach Skandinavien und Polen, durchquert hat. Bei solchen Reisen blickt sie ins Angesicht der Stra\u00dfe, fotografiert sie mit ihrer Digitalkamera die Stra\u00dfen, auf denen sie unterwegs ist, sie nimmt Stra\u00dfenspuren auf, Verformungen des Belags, Rillen, Kratzer, Verf\u00e4rbungen, Bemalungen etc., und unternimmt damit recht eigentlich nichts anderes als das, was der Ich-Erz\u00e4hler zu Beginn des neuen, \u00e4u\u00dferst lesenswerten Romans von Martin Mosebach folgenderma\u00dfen beschreibt (ich zitiere): \u201eSpuren nachgehen, Indizien sammeln, um sich daraus ein Bild verborgener Vorg\u00e4nge zu machen, sich in versteckte Verh\u00e4ltnisse, die nur in winzigen Ersch\u00fctterungen an die Oberfl\u00e4che der Wirklichkeit gelangen, hinein zu fantasieren, das war mein verantwortungsloses und selbstverst\u00e4ndlich ganz planlos betriebenes Vergn\u00fcgen.\u201c (Ende des Zitats)<\/p>\n<p>Planlos allerdings geht die K\u00fcnstlerin nicht vor. \u201eStra\u00dfen sind seit altersher\u201c, sagt Klaudia Dietewich, \u201edie Lebensadern jeder Gesellschaft, jeder Zivilisation. Die Stra\u00dfen, die ich befahre, sind aber nicht nur Funktionstr\u00e4ger, sie sind vor allem ein zentraler Schauplatz des Lebens. Hier ereignen sich Begegnungen, Zusammenst\u00f6\u00dfe, Unf\u00e4lle; Dramen und Geschichten spielen sich ab, das Leben selbst. Stra\u00dfen sind ein Spiegel des Lebens. Und Stra\u00dfen ver\u00e4ndern sich, sie nutzen sich ab, sie werden besch\u00e4digt, repariert, bemalt, gekennzeichnet. Spuren finden sich hier, verg\u00e4ngliche Spuren menschlicher Pr\u00e4senz, Momentaufnahmen, die sich kontinuierlich ver\u00e4ndern, die verblassen, die mehr oder weniger schnell wieder verschwinden. Spuren, die etwas \u00fcber ihren Verursacher verraten, die Geschichten erz\u00e4hlen und Bilder erzeugen von den Orten, an denen sie gefunden wurden.\u201c<\/p>\n<p>Die Stra\u00dfe also als Spiegel und B\u00fchne, und die Fotografin als Geschichtenerz\u00e4hlerin. La strada: Es nimmt wunder, dass sie nicht schon viel fr\u00fcher zu einem zentralen Thema auch der Bildenden Kunst wurde. Wenn aber Stra\u00dfen Schaupl\u00e4tze des Lebens sind, Lebensadern, in denen unsere Existenz bis in die Kapillargef\u00e4\u00dfe hinein pulst und pulsiert, dann kann man Klaudia Dietewichs Fotoreisen mit dem Rad durchaus auch als eine Lebensreise (im Wortsinn) begreifen, auf der sie dem Leben selbst nachsp\u00fcrt: dem Leben unserer Gesellschaft, eines Kollektivs, aber auch ungez\u00e4hlter Individuen.<\/p>\n<p>Doch mit dem Unterwegssein ist es nicht getan. Wieder zuhause, beginnt die K\u00fcnstlerin dann damit, ihre Reisemitbringsel, die digitalen Fotos, zu bearbeiten und durch die Wahl des Ausschnitts und den Grad der Vergr\u00f6\u00dferung zu ver\u00e4ndern. Schlie\u00dflich werden sie auf Metallplatten \u00fcbertragen. Aus den fotografischen obj\u00e8ts trouv\u00e9s entstehen so Kunstwerke. Indem Frau Dietewich die scheinbar banalen, kruden Fotofunde transformiert, verleiht sie ihnen eine neue Qualit\u00e4t. Die Wirklichkeit wird distanziert, wird abstrahiert, aus Flicken und Flecken, Kratzern und Krakeln werden Strukturen, entsteht grafische Poesie, die freilich alles andere als sinnfrei ist.<\/p>\n<p>Das existenzielle Substrat, die Stra\u00dfe mit all ihren Spuren menschlichen Daseins und Soseins, bleibt stets implizit, und so l\u00e4dt uns das Werk von Klaudia Dietewich nicht nur zu einer Reise im Kopf ein, dazu, Spuren nachzugehen, und seien sie noch so unscheinbar und klein; die K\u00fcnstlerin l\u00e4dt uns nicht nur dazu ein, quasi kriminalistisch Indizien zu sammeln, damit wir uns daraus ein Bild verborgener Vorg\u00e4nge machen k\u00f6nnen, sondern, und das ist m\u00f6glicherweise der wichtigste Aspekt ihrer Arbeit, sie legt uns \u00e4hnlich wie Marcel Proust nahe, uns auf die Suche nach der verlorenen Zeit zu begeben, indem wir uns den grafischen Spuren auf ihren Bildern aussetzen. Ihre Fotoreisen erm\u00e4chtigen uns zugleich zu einer Zeitreise.<br \/>Oder m\u00f6glicherweise springt der Funke auch unmittelbar auf uns \u00fcber und wir lassen uns, in einem zweiten Schritt, von ihren Arbeiten dazu inspirieren &#8211; im Kopf bzw. ganz real -, wieder einmal die Stra\u00dfen unserer Kindheit und Jugend mit wachen Augen zu begehen oder zu befahren. So wie Proust die verlorene Zeit prim\u00e4r auf den von ihr zerst\u00f6rten Gesichtern seiner Bekannten und Freunde wiederfindet, die zu Greisen geworden sind, so sind auch die Fotografien von Klaudia Dietewich &#8211; neben vielem Anderen &#8211; eine Ein\u00fcbung in das Bewusstsein der Verg\u00e4nglichkeit. Denn was w\u00e4re verg\u00e4nglicher als das Gesicht der Stra\u00dfen, als die Spuren, die wir tagein, tagaus auf den Chausseen dieser Welt hinterlassen bei Begegnungen, Karambolagen, auf Reisen oder nur auf dem Weg nach Hause: Bremsspuren, Blut, der Abrieb unserer Reifen oder die Kreide, die wir als Kinder beim Himmel &#8211; und &#8211; H\u00f6lle &#8211; Spiel benutzt haben?<br \/>Wenn Klaudia Dietewich also letztlich die Verg\u00e4nglichkeit, die Fl\u00fcchtigkeit unserer Lebensreise und unsere eigene Verletzlichkeit in den Blick nimmt, so sch\u00e4rft sie uns gleichzeitig die Augen f\u00fcr den Wert des Augenblicks, f\u00fcr die Freude am Dasein. Ihr Werk vermittelt uns Aufsichten auf uns selbst. Die Besch\u00e4ftigung mit ihren Arbeiten gibt uns &#8211; so \u00fcberraschend dies auch anmuten mag &#8211; in den Worten Arthur Schopenhauers, dessen 150. Todestag wir heute begehen, ein St\u00fcck weit \u201euns selber zur\u00fcck\u201c. Ich danke Ihnen!<\/p>\n<p>Dr. J\u00fcrgen Glocker, Kulturreferent Landkreis Waldshut<\/p>\n<p>[\/et_pb_text][et_pb_divider _builder_version=&#8220;4.19.4&#8243; _module_preset=&#8220;default&#8220; global_colors_info=&#8220;{}&#8220;][\/et_pb_divider][et_pb_text _builder_version=&#8220;4.19.5&#8243; _module_preset=&#8220;default&#8220; global_colors_info=&#8220;{}&#8220;]<\/p>\n<h1>Der Traum vom Raum.<\/h1>\n<h3>Klaudia Dietewich, Galerie des Wilhelm-Lehmbruck-Museums Duisburg-Rheinhausen 2015<\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Von Zeit zu Zeit und an den unterschiedlichsten Orten dr\u00e4ngen sich einem Bilder ins Auge, ins Stammhirn, ins Sprachzentrum \u2013 diese Bilder, die vom Raum tr\u00e4umen. Davon, Menschen aus der Ebene in die Tiefe bislang marginalisierter und daher unbekannter Welten, mithin in die dritte Dimension, hineinzubef\u00f6rdern. Diese Menschen sollten ihre Blicke auf Wanderschaft schicken d\u00fcrfen, ihre Perspektive selber bestimmen, die immer schon vorhandene und doch so fremde Umgebung anschauen k\u00f6nnen, sich vom Abenteuer des Sehens selbst mitrei\u00dfen lassen. \u2028Auf diese Seh-Wege legt es Klaudia Dietewich in ihren fotografischen Arbeiten an, und nur Fundamentalisten m\u00f6chten sich dar\u00fcber wundern, dass jene Take-Offs in den Raum von einem so fundamentalen und flachen Startpunkt ihren Ausgang nehmen: flach im Sinne von niedrig (was uns topografisch schon ins Auslaufgebiet von Rhein und Ruhr f\u00fchrt), flach aber auch im Sinne von banal.<\/p>\n<p>Denn im Bildwerk Klaudia Dietewichs geht es zun\u00e4chst einmal um wenig mehr als um \u2013 Bodenbel\u00e4ge. Stra\u00dfensch\u00e4den, L\u00f6cher und Krater im urbanen Gel\u00e4uf, Ausbesserungsarbeiten, Asphaltpigmente, Teerverf\u00fcllungen. Amalgamierte Benutzeroberfl\u00e4chen f\u00fcr unsere F\u00fc\u00dfe und Fahrzeuge. Immer so passungenau, immer Patchwork, sich jedem \u00e4sthetischen Mehrwert verweigernd, jedem tiefbaulichen Masterplan hohnsprechend, reine Aleatorik. Eine vom Systemgedanken verlassene, auf sich selbst geworfene Improvisation. So unkalkulierbar und behelfsm\u00e4\u00dfig, so unbeachtet und fl\u00fcchtig, dass die Titel selbst den fotografischen jour fixe noch notieren m\u00fcssen: Bochum, Zeche Hannover, 5. August 2014, 13:44 Uhr; Marl, R\u00f6merstra\u00dfe, 8. August 2014, 14:26 Uhr; Duisburg, Karl- Lehr-Br\u00fccke, 1. August 2014, 17:40 Uhr. Nebens\u00e4chliches, \u00dcbersehenes wird so zumindest zu einem buchhalterischen Statistikum.<\/p>\n<p>Wer mag, kann die Motive des Br\u00fcchigen und Gebrochenen, des Deformierten und notd\u00fcrftig Geflickten als Relikte und Spurenelemente, als Signale und Indizien schon zur\u00fcckgelegter, mal zielsicherer, mal irrt\u00fcmlicher, bald abgebrochener, bald eingel\u00f6ster Wege nehmen. Wer mag, kann in jenen Motiven auch neue Sch\u00f6nheit, n\u00e4mlich die des Mangelhaften, Oberfl\u00e4chlichen, Ephemeren entdecken, die sich aus ihren Parallelen zu unserer conditio humana speist. Wer mag, interpretiert in jenen Motiven metaphorisch die Verwandlungsf\u00e4higkeit und Ver\u00e4nderungsbed\u00fcrftigkeit des Lebens schlechthin. Wie auch immer, jene Bilddeuter st\u00e4nden in jedem Fall auf gesch\u00fctztem Grund und Boden, denn so oder \u00e4hnlich reklamiert auch der K\u00fcnstlerin Selbstwahrnehmung ihr ausgestelltes Werk. Und wer Bildgeschichtliches bevorzugt, ruft selbstverst\u00e4ndlich die Spurenkonservatoren der modernen Avantgarde in Erinnerung, deren revolution\u00e4re Bearbeitung vormals kunstferner Materialien und Sujets schon l\u00e4ngst eigene Spurencluster, von Max Ernsts Frottagen \u00fcber Bildkonzepte des Suprematismus bis zu Jean Tinguelys M\u00e9tamatics, eingezogen hat und in der sogenannten Land-Art eines Andy Goldsworthy oder eines Richard Long wohl noch lange kein Ende findet. Auch auf diese Parallelen zum Werk Klaudia Dietewichs ist an verschiedenen Katalogstellen bereits aufmerksam gemacht worden.<\/p>\n<p>Soll indes der Traum vom Raum weiter imaginiert werden, w\u00e4re nunmehr auf die k\u00fcnstlerische Gestaltung und Pr\u00e4sentation der Ablichtung hinzuweisen, die bei Klaudia Dietewich immer eine \u00e4sthetische Metaebene (eben jene mit dem Titel der Ausstellung versprochenen \u00bb\u00fcber wege \u2013 \u00fcber reste \u2013 \u00fcber tage\u00ab), quasi einen \u00dcberstand und \u00dcberfluss aufweist und genau darin die Verr\u00e4umlichung des Bildes bewerkstelligt. Die Kamera nimmt \u2013 in mindestens zweifachem Sinn \u2013 das parterre gelegene Motiv auf und transferiert es \u2013 in Gr\u00f6\u00dfe, Ausschnitt, Farbe und Fokus justiert und auf Alu-Dibond gebunden \u2013 an die Wand, das hei\u00dft in die Orthogonale. Der dichte Behang formatgleicher Objekte besorgt seinerseits jene Skalarmultiplikation, die dem an der horizontalen Abszissenachse entdeckten und aufgegriffenen Bild nun noch eine Applikatenachse hinzuf\u00fcgt und einen ganzen Vektorraum \u00f6ffnet. Dieses Prinzip der Analytischen Geometrie wendet Klaudia Dietewich vorzugsweise auch dort an, wo sie das Bild auf die nach oben zeigende Teiloberfl\u00e4che eines Kubus oder Quaders platziert und es so dreidimensional unterf\u00fcttert. Assemblagen jener Bildk\u00f6rper stecken sodann eine road map ab, auf dem die vormaligen Bodenabriebe sich als nunmehr beglaubigte und identit\u00e4tsstiftende Landmarken und \u203aWeg-St\u00fccke\u2039 neu formieren, wo sie sich bisweilen auch als \u203aUm-Wege\u2039 zu erkennen geben.<\/p>\n<p>Flickenteppich, Tapetenmuster, Glieder und Fragmente gelebten Lebens als multiversales Ereignis von anthropologischer Relevanz. Wie wenn das Universum Blasen schl\u00e4gt. Flach im Sinne von niedrig, flach im Sinne von banal, aber alles andere als eine fl\u00e4chige Bildauffassung. Schon mag man an Stephen Hopkins&#8216; Science-Fiction-Klassiker Lost in Space von 1998 denken, dabei h\u00e4tte Klaudia Dietewich durchaus eigene Film-Loops im Angebot: C\u00e9reste (2009), Tempelhof (2010), Caf\u00e9 Immortale (2011) oder Underground (2014).<\/p>\n<p>Doch von der Video-Installation zur\u00fcck zur Raum-Installation: F\u00fcr ihren Zyklus Himmel und H\u00f6lle holt sich die K\u00fcnstlerin das Motivmaterial gar aus dem Souterrain (oder, wie man in unseren Breitengraden sagt: Unter Tage). Es entstehen Bildkompositionen aus der ehemaligen Sinterhalle des 1873 in Betrieb genommenen und 1986 stillgelegten Eisen\u2028werks im saarl\u00e4ndischen V\u00f6lklingen, der sogenannten V\u00f6lklinger H\u00fctte. Sinter bildet sich durch Kristallisation von in Wasser gel\u00f6sten Mineralien; hier handelt es sich um jenes Eisenoxidgemisch, das in der Stahlindustrie beim Kontakt hei\u00dfer Stahloberfl\u00e4chen mit Spritzwasser entsteht. Diese Rostpartikel choreografiert Klaudia Dietewich zu neun deckenhohen und von hinten beleuchteten Pigmentdrucken auf transluzenten Backlit-Planen, die sie wie die Glasfenstermalerei einer kathedralischen Apsis anordnet. War nun aber die gotische Kathedrale ein architektonischer Bedeutungstr\u00e4ger der christlichen Ideenwelt, so gibt es auf der Fotostellage Klaudia Dietewichs weder ein bildlogisches geschweige denn ein heilsgeschichtliches Linearium. Die Erz\u00e4hlung bleibt ganz jener Rost-Ablagerung vorbehalten, die auf das Sintern selbst, mithin auf die Herstellung von Werkstoffen verweist; hier auf die Produktion der Stahlhelme f\u00fcr die deutschen Soldaten des Ersten Weltkriegs. In k\u00fcnstlerischer Tateinheit mit dem Bach-Choral O Ewigkeit, du Donnerwort und dem ihn \u00fcbert\u00f6nen- den Maschinenl\u00e4rm der Sinterhalle entwickelt sich bisweilen eine mediale Synopse, die den angedeuteten Kirchenraum eher infernalisch als himmlisch umschlie\u00dft. Aber geht es Klaudia Dietewich wirklich um einen historischen Realismus?<\/p>\n<p>Da f\u00e4llt mir gerade auf, dass Sie, meine Damen und Herren, bisher noch gar nichts zu lachen hatten, obwohl meine Ausstellungser\u00f6ffnungs-Ansprachen, auch hier in Rheinhausen, in dem Ruf stehen, bisweilen humorig zu sein. Aber erstens ist Humor nicht nur Comedy oder Mystery, sondern besitzt einen unverzichtbaren Wunsch-, einen Traum-, eben: einen phantasmagorischen Appeal, einen Illusions-Raum, in den der Mensch entf\u00fchrt, verstrickt, in dem er get\u00e4uscht, ja betrogen und verraten werden will, vielleicht um das reale Leben \u00fcberhaupt aushalten zu k\u00f6nnen; und zweitens \u2013 wird es ja eventuell noch was.<\/p>\n<p>Anlass zu solchem Gel\u00e4chter k\u00f6nnte vielleicht das dritte Werkkapitel dieser Ausstellung geben. Auf zwei d\u00fcnnen Edelstahlplatten \u00e0 150 x 50 cm zeigt sich unter dem Titel Paris, Rue Clotilde, 3. April 2013, 15:15 Uhr auf weniger als einem halben Meter H\u00f6he eine in blauer Sch\u00f6nschrift (im Windows-Universum hei\u00dft sie \u203aK\u00fcnstler Script\u2039!) verfasste Signatur \u00bbregarde le ciel\u00ab. Sicher entbehrt es nicht einer gewissen Komik, dass Passanten, um jener Aufforderung \u00fcberhaupt gewahr werden zu k\u00f6nnen, den Blick, statt nach oben zum Himmel zu richten, zun\u00e4chst mal auf den Boden absenken m\u00fcssen. Unweigerlich kommt Magrittes ber\u00fchmtes Bild in den Sinn, das eine hyperrealistisch gemalte, fast schon stilisierte Pfeife mit der Subskription versieht: \u00bbCeci n&#8217;est pas une pipe.\u00ab Die Arbeit von 1929 tr\u00e4gt den Titel La trahison des images, und eben um jenen Verrat der Bilder geht es. Denn bei der k\u00fcnstlerischen Darstellung handelt es sich nat\u00fcrlich nicht um eine tats\u00e4chliche Pfeife, die sich stopfen, rauchen und reinigen lie\u00dfe, sondern um das \u00d6l-Bild einer Pfeife, das mit seinem Objekt selbst nicht identisch ist, kurzum: in der Kunst wie im \u203arichtigen Leben\u2039 k\u00f6nnen Sache und Zeichen v\u00f6llig auseinanderfliegen (ein Umstand \u00fcbrigens, der schon die Literaten des 18. Jahrhunderts, namentlich Jean Paul, umtrieb), geh\u00f6rt zum Kunstwerk eine surrealistische Psychologie, die den Betrachter, seine Sinneswahrnehmung falsch interpretieren und wunschtraumgem\u00e4\u00df \u00fcber sich selbst t\u00e4uschen machend, das Dargestellte als Wirklichkeit erleben l\u00e4sst.<\/p>\n<p>Selbstverst\u00e4ndlich k\u00f6nnte hier auch der Vertigo-Effekt (benannt nach Hitchcocks un\u00fcbertreffbarem Filmepos) eingeworfen werden, der den Zwang und das schwindel- erregend Zwanghafte jenes Spiels mit Identit\u00e4ten vorf\u00fchrt, bei dem das Bild allein noch als Illusion weiterleben kann, ohne seine l\u00e4ngst verblasste oder unscharf gewordene Realit\u00e4t zur Kenntnis nehmen zu m\u00fcssen, ja \u00fcberhaupt zu d\u00fcrfen.<br \/>Wo Magritte und Hitchcock das Beziehungsgeflecht zwischen einem Objekt, seiner Bezeichnung und seiner Repr\u00e4sentation ausloten und\u2028den Betrachter mit der kaum mehr als noch fragilen Realit\u00e4t eines Gegenstandes konfrontieren, liegt bei Klaudia Dietewich die Pointe gleich um die Ecke. Ihre Fotografie erfasst die Spuren und Indizien des Motivs und f\u00fchrt sie auf, ihre Fotografie dirigiert den Blick des Betrachters, ihre Fotografie verwebt Geschichten zu einer Erz\u00e4hlung, die den Betrachter nicht kalt lassen kann und ihn vielmehr animiert, ja fast schon zwingt, ihre Zufalls-K\u00fcnstlichkeit f\u00fcr wirklich und wahr zu halten. Damit erz\u00e4hlt die K\u00fcnstlerin auf keineswegs mehr banale, sondern raffinierte Weise etwas \u00fcber die Fotografie selbst, \u00fcber die Manipulierbarkeit des Sehens, nicht zuletzt \u00fcber die Verf\u00fchrbarkeit ihres Betrachters. Und sie erz\u00e4hlt, den Traum des literarischen 18. Jahrhunderts in neuem medientechnschen Look wiederaufnehmend, viel \u00fcber die metaphorische Schwebe des Bildes zwischen seiner Bestimmtheit und Robustheit in der Realit\u00e4t und seinem fiktionalen und traumwandlerischen \u00dcberfluss als Illusion.<\/p>\n<p>Zur Erinnerung: Klaudia Dietewichs Bilder tr\u00e4umen den transversalen und spieltriebpsychologischen Traum vom Raum, der auf diese Art sie und sich in die Wirklichkeit \u00fcbertr\u00e4gt (gr. meta-phor\u00e9\u014d: \u00fcbertragen, \u00fcbersetzen, transportieren, verl\u00e4ngern): \u00fcber wege \u2013 \u00fcber reste \u2013 \u00fcber tage. Gleich unter ihren F\u00fc\u00dfen: der Abgrund der H\u00f6lle. Der Himmel indes beginnt bereits auf Knieh\u00f6he. So, meine Damen und Herren, jetzt d\u00fcrfen Sie aber wirklich mal schallend lachen.<\/p>\n<p>Dr. Thomas Maier, Kleve, 2015<\/p>\n<p>[\/et_pb_text][\/et_pb_column][\/et_pb_row][et_pb_row column_structure=&#8220;2_5,3_5&#8243; _builder_version=&#8220;4.19.0&#8243; _module_preset=&#8220;default&#8220; global_colors_info=&#8220;{}&#8220;][et_pb_column type=&#8220;2_5&#8243; _builder_version=&#8220;4.19.0&#8243; _module_preset=&#8220;default&#8220; global_colors_info=&#8220;{}&#8220;][et_pb_image src=&#8220;http:\/\/neu.klaudiadietewich.de\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/Klaudia-Dietewich-Atrikel-Stuttgarter-Zeitung-2017.jpg&#8220; title_text=&#8220;Klaudia Dietewich Atrikel Stuttgarter Zeitung 2017&#8243; url=&#8220;http:\/\/neu.klaudiadietewich.de\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/Klaudia-Dietewich-Atrikel-Stuttgarter-Zeitung-2017.pdf&#8220; url_new_window=&#8220;on&#8220; _builder_version=&#8220;4.19.0&#8243; _module_preset=&#8220;default&#8220; global_colors_info=&#8220;{}&#8220;][\/et_pb_image][\/et_pb_column][et_pb_column type=&#8220;3_5&#8243; _builder_version=&#8220;4.19.0&#8243; _module_preset=&#8220;default&#8220; global_colors_info=&#8220;{}&#8220;][et_pb_text _builder_version=&#8220;4.19.0&#8243; _module_preset=&#8220;default&#8220; global_colors_info=&#8220;{}&#8220;][\/et_pb_text][et_pb_text _builder_version=&#8220;4.19.0&#8243; _module_preset=&#8220;default&#8220; global_colors_info=&#8220;{}&#8220;]<\/p>\n<p>Klicken Sie bitte auf das Bild,<br \/>um den Artikel in einem Separaten Fernster zu \u00f6ffnen.<\/p>\n<p>[\/et_pb_text][\/et_pb_column][\/et_pb_row][et_pb_row column_structure=&#8220;2_5,3_5&#8243; _builder_version=&#8220;4.19.0&#8243; _module_preset=&#8220;default&#8220; global_colors_info=&#8220;{}&#8220;][et_pb_column type=&#8220;2_5&#8243; _builder_version=&#8220;4.19.0&#8243; _module_preset=&#8220;default&#8220; global_colors_info=&#8220;{}&#8220;][et_pb_image src=&#8220;http:\/\/neu.klaudiadietewich.de\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/Klaudia-Dietewich-Presse-Pittsburgh-2018.jpg&#8220; title_text=&#8220;Klaudia Dietewich Presse Pittsburgh 2018&#8243; url=&#8220;http:\/\/neu.klaudiadietewich.de\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/Klaudia-Dietewich-Presse-Pittsburgh-2018.pdf&#8220; url_new_window=&#8220;on&#8220; _builder_version=&#8220;4.19.0&#8243; _module_preset=&#8220;default&#8220; global_colors_info=&#8220;{}&#8220;][\/et_pb_image][\/et_pb_column][et_pb_column type=&#8220;3_5&#8243; _builder_version=&#8220;4.19.0&#8243; _module_preset=&#8220;default&#8220; global_colors_info=&#8220;{}&#8220;][et_pb_text _builder_version=&#8220;4.19.0&#8243; _module_preset=&#8220;default&#8220; global_colors_info=&#8220;{}&#8220;][\/et_pb_text][et_pb_text _builder_version=&#8220;4.19.0&#8243; _module_preset=&#8220;default&#8220; global_colors_info=&#8220;{}&#8220;]<\/p>\n<p>Klicken Sie bitte auf das Bild,<br \/>um den Artikel in einem Separaten Fernster zu \u00f6ffnen.<\/p>\n<p>[\/et_pb_text][\/et_pb_column][\/et_pb_row][\/et_pb_section]<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>TexteKlaudia DietewichFl\u00fcchtige Landschaften Begr\u00fc\u00dfung: Dr. Johannes Lorenz, \u2028Frankfurt a. 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