Aktuell
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„50 Städte – 50 Spuren“.
Meine nächsten Ausstellungen:
„WIR RECHNEN MIT ALLEM“
07. 12. bis 19. 12. 2025 & 14. 1. – 6. 2. 2026 AKKU Projektraum Stuttgart
„Flüchtige Landschaften“
17. 4. bis 10. 06. 2026 Haus am Dom in Frankfurt
und …
„im Fluss der Formen“
16. 4. bis 31. 12. 2026 Sympra Stuttgart
„Flüchtige Landschaften“
17. 4. bis 10. 06. 2026 Haus am Dom in Frankfurt
„Alles fließt …“
28. 06. bis 4. 10. 2026 Amüseum Saarburg
„WAS BLEIBT?“
23. 7. bis 4. 10. 2026 Galerie der Stadt Plochingen
„Echos der Stille“
13. 11. 2026 bis 9. 1. 2027 Galerie Schacher – Raum für Kunst
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Der Strand „Les Blancs Sablons“, „Gwendraezh“ auf Bretonisch, liegt nahe der Kleinstadt Le Conquet in Finistère in der Bretagne und ist bei Surfern jeder Art überaus beliebt wegen der kräftigen Winde und dem damit einhergehenden Wellengang. Die gesamte Gegend liegt auf einer keilförmigen Gesteinsformation aus Granit, die nicht nur weit landeinwärts, sondern auch bis zu 7000 Meter in die Tiefe reicht: Ehemalige Berge, fast so hoch wie der Himalaya, die nicht abgetragen wurden, sondern nach und nach in der Tiefe der weichen Erdschichten verschwanden.
Dieser Granit hat im Wesentlichen drei Bestandteile: Feldspat, weiße Körner, die den überwiegenden Anteil des Sandes dort ausmachen, hellgrauer Quarz sowie schwarzer Glimmer aus der Gruppe der Schichtsilikate, auch Mica genannt. Das Besondere am Glimmer ist, dass er in Schichten aufgebaut ist, die eine sehr schwache Bindung untereinander aufweisen und sich darum an den Schichtgrenzen leicht lösen. Dieser schwarze Glimmer im Sand hat die Form von Pailletten, die in den Wellen surfen wie Blätter im Wind. Aus diesem Grund bewegt sich der schwarze Glimmer in den zurücklaufenden Wellen schneller als die hellen Feldspate und Quarze, die dem Wasser mehr Widerstand bieten und schneller zu Boden sinken.
Meine Fotos in diesem Buch zeigen die Spuren dieser Felsen, die einstmals gen Himmel ragten und sind zugleich rasch vergängliche Momentaufnahmen, Bilder, gezeichnet von den Wellen, die Augenblicke später schon wieder verschwunden sein können.
Spuren
Bei ihren Streifzügen durch die Städte in aller Welt löst Klaudia Dietewich Fragmente aus vernarbten, verkleckerten, gerissenen und zerschundenen Asphaltflächen heraus: Rätselhafte Spuren, Relikte, die auf die eine oder andere Weise den Zustand unserer Welt spiegeln. Ihre Fundstücke aus der Serie „Wegstücke“ sind Bruchstücke, die, obwohl ganz ungegenständlich, zu Projektionsflächen der Einbildungskraft werden, Erinnerungen wachrufen, Assoziationen wecken und Geschichten erzählen. Als „Kondensat gelebten Lebens“ stellen sie die Frage, was bleibt von uns und von der Welt, wie wir sie kennen.
Im fotografischen Abzug entfaltet die Oberflächenstruktur der realen Vorlage ihre spezifischen ästhetischen Reize auf dem Bildträger Alu-Dibond. So als habe die Fotografie hier zu ihrem Gegenstand gefunden, das verschwundene und verschwindende Leben ins Bild zu bannen, schafft Klaudia Dietewich mit ihrem Gefühl für Form und Struktur ein Bildarchiv, das einen vermeintlich hinlänglich bekannten Stadtraum neu entdeckt – in Bildern, die gleichzeitig vertraut, irritierend und befremdend sind.
(Dr. Otto Rothfuss)
Für Klaudia Dietewich ist die Stadt nicht das unkoordinierte Gewusel der Masse oder das Häusermeer, in dem Sich der Einzelne verliert, sondern ein fast abstraktes Gebilde, in dem der Mensch seine rätselhaften repetitiven Spuren zurückgelassen hat. Hier ist der Ort, an dem für die Künstlerin die große, reine Schönheit der modernen Welt zu finden ist. Was für eine verwirrende Poesie der Flecken, Kratzer, Risse und Schmierereien!
Die Fotografie erweist sich dabei als das Bildmedium, das den Blick der Fotografin als das eigentlich schöpferisch Wirkende ins Zentrum stellt und uns so die Welt immer wieder neu entdecken lässt. Sie ist hier mehr als bloßes Dokument: Sie ist ein zeichenhaftes Kondensat, das der Betrachter in einem Diskurs zu entfalten hat.
Dietewichs Fundstücke sind Versuche einer Art fotografischer „écriture automatique“ mit Wirklichkeitsfragmenten. Als in Form geronnene Überreste der Kultur liefern sie der Einbildungskraft eine Matrix, an der diese kulturelle Kodierungsformen einklammern kann, um die Welt mit anderen Augen zu sehen. Die Fotografien oszillieren zwischen einer reinen Wiedergabe des Amorphen und einer Strukturierung des Gesehenen, in der der Betrachter Gegenstände und bildliche Darstellungen zu erblicken glaubt. Die Asphalt- und Wandbilder werden zu Projektionsflächen der Einbildungskraft. Die Fotografien sind Wiedergabe des Chaos und seine Strukturierung zugleich. Das macht ihren rätselhaften Zauber aus.
Im fotografischen Abzug fallen die visuellen Fragmente mit dem Bildträger – meist AluDibond oder Barytpapier – zusammen. Die Resultate erinnern an fotografierte abstrakte Kunstwerke und sind gleichzeitig reine Fotografie. Es ist schwer beim Betrachten der Arbeiten nicht die großen Werke der Malerei mitzusehen, die sich heute in unserem kollektiven Gedächtnis tummeln.
(Dr. Otto Rothfuss)